Mein Leben als hochsensitiver Scanner: Die ständige Gier nach Wissen und die Suche nach Stille

Ich liege auf der Couch meiner Tante. Die Uhr, die etwa fünf Meter von mir an der Wand hängt, tickt unermüdlich. Und mein Gehirn tickt mit. Ich folge dem Ticken, wie ein Wolf einem Schaf in dichten Gräsern: Auf der Lauer, leicht wütend und mit einem Hang zur Fremdzerstörung.

Zu diesem Zeitpunkt weiß ich natürlich noch lange nicht, dass dieses Verhalten eine der Besonderheiten meines Gehirns ist, denn ich bin erst acht Jahre alt. Es ist eine Abnormalität, die mich mein lebenlang begleiten wird. Eine Abnormalität, über die sich viele Menschen keine Gedanken machen, da sie sich einfach nur für “gereizt” oder “genervt” halten. In Wahrheit steckt dahinter eine faszinierende, aber teilweise auch herausfordernde Welt voller Aufgaben, Möglichkeiten und Andersartigkeiten. Also eine Ansammlung von Dingen, über die wir in unserer Gesellschaft grundsätzlich nicht gerne reden.

Der Außenseiter

Der österreichische Psychologe Niels Birbaumer schreibt in seinem Buch “Dein Gehirn weiß mehr, als du denkst”, dass die erste Erinnerung, die uns in den Sinn kommt, unser grundlegendes und tiefstes Verhalten widerspiegelt.

Mir kam, nach ein wenig “Graben”, die Erinnerung an mein vierjähriges Ich, das im Kindergarten alleine an einem Tisch sitzt und ein Buch anmalt. Diese Erinnerung kam mir, während ich alleine in meinem Lieblingscafé saß und ein Buch las. Wie fast jeden Tag in den letzten drei Jahren.

Die meiste Zeit bin ich tatsächlich alleine, mit einem Buch, Hörbuch, Podcast, Artikel, einer Zeitung oder sonst welchen Beschäftigungen, die mich fordern, mir den “Kick” geben, den ich brauche. Den Kick neuer Informationen bzw. der Auslastung meines Gehirns. Ich lese über 500 Fach-/ und Sachbücher im Jahr, höre dutzende Podcasts und Hörbücher im Monat und habe zu diesem Zeitpunkt etwa 800 unterschiedliche Notizkarten in meiner App, mit Ideen für Bücher, Geschäftsideen, Blogartikel, Gedanken, Erkenntnissen usw. Und behalte trotzdem den Überblick. Irgendwie.

Dass diese Eigenschaft gleichzeitig Vor-/ und Nachteile hat, muss ich wohl nicht weiter ausführen. Wie in allen Bereichen unserer faszinierenden Persönlichkeit geht es allerdings auch hier darum, sich selbst zu kennen, zu Vertrauen und das zu nutzen, was einem geschenkt wurde. Deshalb schreibe ich diesen Artikel, in der Hoffnung, dass sich darin ein paar Menschen wiederfinden.

Der Aha-Moment

Ich google ein wenig zu einem Thema (ich habe eigentlich nach “sensibel”gesucht) und stoße plötzlich auf den Begriff “Scanner-Persönlichkeit”. Ich drücke auf den Artikel zu dem Thema und noch bevor ich überhaupt lese, was dieses Wort bedeutet, weiß ich intuitiv, was es ungefähr meint und, dass ich etwas damit zutun habe.

Am nächsten Tag sitze ich zusammen mit meiner Psychologin und meinem Psychiater in einem Gespräch. Ich habe die Nacht natürlich durchgehend Informationen zu dem Thema gesammelt, drei Bücher gelesen, zwei Podcasts gehört und mehrere wissenschaftliche Studien gelesen. Die Beiden wollen mich zu dem Thema aufklären, doch anscheinend sind wir jetzt schon ungefähr auf dem gleichen Wissensstand. Diese “Eigenart” kam mir niemals eigenartig vor, weshalb ich in dem Moment immer noch geschockt von meiner Erkenntnis war.

Das Wort “Scanner-Persönlichkeit” wurde von der amerikanischen Trainerin Barabara Sher geprägt. Sie beschreibt eine Unterkategorie der Hochbegabung, bei der das Gehirn eine außergewöhnlich hohe Anzahl unterschiedlicher Themen in kurzer Zeit erfassen und tiefgründig aufnehmen und verarbeiten kann.

Als mein Psychiater und meine Psychologin mir diese Art der Hochbegabung bestätigten, war ich, wie schon am Abend zuvor, nicht erfreut. Ich war geschockt.

Die Lücke zwischen falscher und wahrer Realität

Mit der Besonderheit Scanner zu sein flog mir das Wort “Hochbegabung” durch den Kopf, wobei bei der Scannerpersönlichkeit auch von einer “Vielbegabung” gesprochen wird. Kinder, die verhaltensauffällig sind, in der Schule eher schlechte Noten schreiben, sich dem Schulsystem nicht anpassen wollen und eher wenige Freunde haben, wird seitens der Ärzte vielmehr ADS oder ADHS zugeschrieben und dahingehend medikamentös behandelt. Eine Vielbegabung ist einfach nicht profitabel genug. Eigentlich gar nicht. Und irgendwie muss der Arzt schließlich seine Praxis, sein Haus und sein Auto bezahlen.

Laut dem “Genfer Gelöbnis des Weltärztebundes” müssen sich alle Ärzte u.a. zu folgenden, ethischen Regeln verpflichten:

“Ich gelobe feierlich, mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen. Ich werde meinen Lehrern die schuldige Achtung und Dankbarkeit erweisen. Ich werde meinen Beruf mit Gewissenhaftigkeit und Würde ausüben. Die Gesundheit meines Patienten soll oberstes Gebot meines Handelns sein. Ich werde alle mir anvertrauten Geheimnisse auch über den Tod des Patienten hinaus wahren. Ich werde mit allen meinen Kräften die Ehre und die edle Überlieferung des ärztlichen Berufes aufrechterhalten.”

Mitschüler und Lehrer bezeichnen solche Kinder und Jugendliche ebenfalls abwertend eher als “verhaltensauffällige Außenseiter”, als vielmehr eine besondere Persönlichkeit, die in einer angepassten Gesellschaft ihren Freiraum braucht und dementsprechend gefördert werden muss. Eltern sind mit dem Verhalten oftmals ebenso überfordert und bestrafen das Kind bzw. den Jugendlichen für sein “aufmüpfiges” Verhalten und seinen schlechten Noten, die nicht durch Überforderung, sondern durch Unterforderung kommen.

Ich habe die 8. Klasse wiederholt, hätte fast keinen Hauptschulabschluss gehabt und später trotzdem innerhalb von drei Monaten mehrere hundertseitige Diplom-Arbeiten für andere geschrieben, die mit Bestnote benotet wurde. Der gleiche Mensch wurde früher als dumm, faul und sonderbar beschrieben.

Da wir in dieser frühen Zeit unserer Entwicklung allerdings noch nicht dazu in der Lage sind, die Aussagen, Meinungen und das Verhalten anderer einzuordnen, zu reflektieren und mit der Realität abzugleichen, entsteht eine falsche Realität. Wir halten uns dann fälschlicherweise für dumm, wertlos und nicht gewollt.

Wofür andere uns halten, kann zu unserer Realität werden, wenn wir deren Realität für wahr und unsere für eine falsch halten.

Hochbegabung, Hochsensitivität und Introvertiertheit

Ich begann also, meine Realität neu zu erschaffen. Was blieb mir auch anderes übrig? Mir wurde es mehrfach bestätigt, was ich ebenfalls für wahrscheinlich hielt und der Abgleich mit meiner Vergangenheit war einfach zu eindeutig.

Sensitiv und introvertiert sind zwei weitere Eigenschaften, die oft mit Hochbegabung einhergehen. Wir können sie ablehnen und uns anpassen, genauso können wir sie aber auch annehmen und lieben lernen.

Sensitivität und Sensibilität bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, dass wir ständig weinen und nicht kritikfähig sind. Wir nehmen allerdings die Gefühle anderer verstärkter wahr, wodurch eine Ansammlung von Informationen entsteht, aus der eine Menschenkenntnis wächst, die wir nutzen können, von der wir uns aber auch teilweise distanzieren müssen.

Die verstärkte Wahrnehmung der Gefühle anderer kann dazu führen, dass wir uns zu sehr von uns selbst distanzieren, uns anderen anpassen und so uns selbst nicht mehr wahrnehmen. Wir verdrängen unsere Gefühle, vernachlässigen unsere Wünsche und vergessen unsere Werte. Wir werden zu einem Spiegel dessen, was andere sind und verpassen unsere Entfaltung.

Ich vertraute mir mehr. Ich vertraute meinem Gehirn mehr, was eigenartig klingt, doch damit meine ich einfach nur, dass ich lernte und immer noch lerne, diesen Punkt zu erkennen, der etwas später kommt, als bei anderen, mir aber sagen möchte: “Du brauchst jetzt eine Pause. Das war viel, was du gerade getan hast und mehr, als normalerweise mögich ist.”

Dass mein Gehirn die Masse an Informationen, die ich suchte, wie der Hai auf der Jagd nach den Fischen, verarbeiten konnte. Die Voraussetzung dafür ist immer Interesse, bei der Vielbegabung noch mehr, als sonst. Ohne Interesse schüttet das Gehirn keine Glückshormone aus und ohne Glückshormone werden die Informationen nicht ins Langzeitgedächtnis übertragen. Sie wären damit wertlos, genauso wertlos wie die meisten Informationen, die Schüler und Studenten lernen sollen.

Ein Extrembeispiel aus meiner Vergangenheit ist mein enormes Interesse an Psychologie. Dieses Interesse paarte sich vor einigen Jahren mit meinem Drang, wieder gesund werden zu wollen. Ich therapierte mich innerhalb von vier Monaten aus einer schweren Depression, einer Panik-/ und Angststörung, einem Burnout und einer psychosomatischen Störung (die unser Psychiatern insgeheim als “untherapierbar” gilt) heraus. Die Diagnose meines Psychiaters auf meinem Bett in der psychiatrischen Klinik war für mich keine Diagnose, sondern eine Aufgabe, die gelöst werden wollte.

Manchmal scheint uns das Leben einen Sack voller neuer Aufgaben vor die Füße zu werfen und zu rufen: “Sieh zu, wie du damit ungehst!” In diesen Situationen das Ganze eher als Spiel zu betrachten und nicht als Dilemma, das ist die Schwierigkeit.

Und mit dieser Gier nach Informationen geht gleichzeitig eine unglaubliche Sensibilität einher. Die Wörter “sensibel” und “sensitiv” sind zwar in unserer Gesellschaft genauso verpöhnt und negativ konotiert wie “hochbegabt”, doch wir wollen ja nicht noch mehr unsere Realität verleugnen. Natürlich renne ich nicht durch die Welt und schleudere die Erkenntnis um mich, dass ich hochbegabt und hochsensibel bin. Es ist schlichtweg nicht relevant, zumindest für 99% der Menschen. Es ist eine Facette meiner Persönlichkeit, doch es ist nicht das, was ich bin.

Sich auf eine Eigenschaft zu reduzieren ist nicht möglich und sogar schädlich. Wir sind tausende Eigenschaften und gleichzeitig sind wir nichts davon. Es ist nicht das, was uns ausmacht, denn dahinter stecken tausende von Gefühlen, Talenten und Begabungen.

Wir sind alle einzigartig und diese Einzigartigkeit auszuleben und wertzuschätzen ist eine unserer Lebensaufgaben.