Leidophil: Wieso Probleme abhängig machen und wie du von der Droge loskommst

Ausreden, Jammern, Sorgen, Ängste, Opferrolle.

Das sind die Haupteigenschaften eines Menschen, der “leidophob” ist. Das Wort gibt es natürlich nicht. Es soll allerdings die Menschen beschreiben, die sich selbst von ihrem Leid so abhängig gemacht haben, dass sie es gerne behalten möchten. Paradox? Definitiv.

Die Rolle des Egos

Von welcher Warte wir das Leid in unserem Leben auch betrachten mögen, erkennen wir doch immer, dass unser Ego darin involviert ist. Es ist tückisch und gemein. Es ist vorallem deshalb so gemein, da wir es nicht erkennen. Wir leiden also, ohne, dass wir es merken. Wenn wir merken würden, dass wir nur aufgrund unseres Egos leiden, dann würden wir nicht mehr leiden.

Da das Ego eine unbewusste Struktur unseres Verstandes ist, kann es uns nicht mehr okkupieren, sobald wir es bewusst erkennen. Wenn wir z.B. unserem Partner gerade das 20. Mal erzählen, wie schrecklich unsere Situation doch ist und, dass wir das alles nicht verdient haben und erkennen würden, was wir da gerade eigentlich tun, dann würden wir damit aufhören und somit auch unser Ego.

Tun wir das allerdings nicht, dann leiden wir weiterhin. Deshalb beschweren wir uns weiterhin über Dinge, die wir entweder nicht ändern können oder die in unserer negativen Betrachtungsweise gar nicht so schrecklich sind oder einfach nicht ändern wollen.

Wir haben grundsätzlich drei Möglichkeiten: Die Situation verlassen, verändern oder akzeptieren.

Diese drei Handlungsweisen sind aktiv. Sie finden außerhalb unseres Egos statt. Sie sind nicht unbewusst, sondern bewusst. Wir haben uns bewusst dazu entschieden. Eine eigenständige Entscheidung zu treffen ist nicht im Sinne unseres Egos. Verantwortung zu übernommen ist gar nicht in seinem Sinne.

Wir können die Situation entweder verändern (z.B. Wechsel der Abteilung), akzeptieren (z.B. die Kollegen einfach reden lassen) oder dann doch verlassen (z.B. kündigen).

Alles andere ist unbewusst.

Und somit Leid.

Denn Buddha sagte in seinem Kernsatz “Unwissenheit ist Leid” und mit Unwissenheit meinte er, die fehlenden Kenntnisse über das Ego und seine Unbewusstheit.

Ich will Leid!

Soweit die Therorie. Die Praxis sieht etwas unangenehmer aus. Du weißt nun, dass das Ego sich an Probleme klammert. Das Ego ist dein Problem. Das Ego kann ohne Probleme nicht existieren. Dir würde es zwar gut gehen, aber dein Ego vermittelt dir etwas anderes. Es sagt dir z.B.:

“Du musst das tun, was ich dir sage. Ansonsten wirst du leiden. Du wirst schreckliche Dinge erfahren. Deshalb jammere weiter, sodass du Mitleid bekommst. Mache dir weiterhin Sorgen, aber ändere nichts an deiner Situation. Das ist sowieso zu gefährlich. Du wirst sterben.”

Vorallem der letzte Teil ist interessant. Nicht du würdest sterben, sondern dein Ego. Da du dich aber für dein Ego hältst, glaubst du, dass du sterben würdest.

Das Ego sieht absolut keine Notwendigkeit in Veränderung. Alles soll so bleiben, wie es aktuell ist und wenn es aktuell schrecklich ist, dann ist es gut.

“Das Ego hindert uns daran, besser zu werden, indem es uns sagt, dass wir gar nicht besser werden müssen.”
Ryan Holiday

Veränderung ist schier unmöglich, solange das Ego seine Fäden im Spiel hat. Es ist so stark und mächtig, dass es sich in seiner unbewussten Rolle, die du automatisch einnimmst, da du dich für dein Ego hältst, über deine Träume und Ziele stellen kann. Und alles zerstört.

Das Ego ist eine Form deines Verstandes. Es ist nicht du. Du hältst dich aber dafür. Du erzählst schließlich von deinem Leben, deinen Problemen und deinen Sorgen:

“Mir geht es so schlecht.”

“Ich kann nicht mehr.”

“Ich habe solche Angst.”

“Mein Leben ist so schrecklich.”

Das Ich und die Abwandlungen mir, mich und mein sind dein Ego. Es spricht durch dich. Du glaubst, dass du sprichst, aber das tust du dich. Es hat dich in den vielen Jahren deiner Unbewusstheit geschickt in Leid eingewickelt, sodass du nun glaubst, dass du über deine Probleme redest.

Übrigens können wir auch in Gedanken unser Leid wiederholen, wie einen Leierkasten. Gedanken sind nur gesprochene Worte. Ob du nun sagst, dass dein Leben schrecklich ist oder denkst, dass dein Leben schrecklich ist, macht keinen Unterscheid. Beides kommt von deinem Ego. Beides will keine Probleme lösen.

Das Ego will keine Probleme lösen!

Negative Konditionierungen auflösen

Unser Gehirn lebt von Wiederholungen. Du bist heute der Mensch, der du bist, weil du in deiner Vergangenheit Worte, Gedanken und Handlungen immer wiederholt hast. Diese haben deine Gehirnstruktur so verändert, dass du nun heute der bist, der du bist.

Wenn du nun negative Gedanken und Worte wiederholst, dann verfestigen sich diese logischerweise auch. Sie rutschen dir in Situationen heraus, ohne, dass du es eigentlich bemerkst. Sie sind zu einem Teil von dir geworden. Die Probleme, das Leid, die Sorgen, sind zu einem Teil deines Lebens geworden.

Aber:

Du bist nicht deine Probleme, dein Leid und deine Sorgen.

Das ist dein Ego. Und du bist nicht dein Ego.

Jedes einzelne Mal, wo du nicht erkannt hast, dass du deine Probleme, dein Leid und deine Sorgen gedanklich oder verbal wiedergegeben hast, hast du sie erhalten. Das Gegenteil löst sie nach und nach auf.

Gehe folgendermaßen vor, um negative Konditionierungen zu durchbrechen:

1. Automatismen verändern

Erkenne, dass du die grundlegende Gewalt über dein Leben hast. Dein Ego darf dich nicht regieren. Du musst die Steuerung wieder über dein Leben zurückgewinnen, ansonsten wirst du für immer leiden.

Gehe deshalb andere Wege, sowohl wortwörtlich, als auch im übertragenen Sinne. Fahre einen anderen Weg zur Arbeit, zur Uni oder zur Schule. Gehe bewusst einen anderen Weg. Lass dich nicht von deinem Gehirn führen, denn das hast du schließlich lange genug getan.

2. Gedanken aufschreiben

Setze dich 15 Minuten an einen ruhigen Ort und schreibe alle deine Gedanken auf. Lasse den Gedankenfluss einfach laufen. Schreibe alles nieder. Erkenne, wie viele Gedanken durch deinen Kopf gehen. Auch “so ein Quatsch” ist ein Gedanke.

Solange du deine Gedanken nicht erkennst, also nicht erkennst, dass du denkst, wird dein Ego dich samt seinen geliebten Problemen weiterhin zerstören.

3. Jeden Tag etwas Neues

Du musst dein Ego herausfordern. Ihm zeigen, dass das Spiel nun vorbei ist. Du triffst nun die Entscheidungen. Tue deshalb jeden Tag eine Sache, die neu für dich ist. Es müssen keine großen Veränderungen sein, die stellen sich mit der Zeit automatisch ein. Stelle etwas in deiner Wohnung um, höre andere Musik, probiere ein neues Gericht, schalte dein Handy für ein paar Stunden aus usw.

Zeige deinem Ego, dass du die Hosen anhast.

4. Erkenne dein Ego

Das Ego ist unbewusst. Wenn du es erkennst, dann kann es dich nicht mehr regieren. Wenn du es einfach nur erkennst, dann tust du das mit deinem Bewusstsein und wir können nicht unbewusst und gleichzeitig bewusst sein.

Dadurch löst sich du Unbewusstheit auf. Jedes Mal. Du wirst es zu Beginn nicht merken, dass du gerade unbewusst bist, doch je öfter du es erkennst, desto bewusster wirst du.

Führe Strichlisten oder Tagebuch (wieder etwas Neues), sodass du deinen Fortschritt erkennst.

Das Ego aufzulösen ist eine ständige Aufgabe.

Ob es leicht ist?

Natürlich nicht.

Falls du gerade gedacht hast oder jetzt denkst, dass es “alles so schwierig klingt” oder “nicht leicht ist”, dann war das dein Ego. Herzlichen Glückwunsch, du hast es wahrscheinlich zum ersten Mal erkannt und dadurch ganz kurz unschädlich gemacht.