Ein buddhistischer Umgang mit den extremen Ansichten anderer

Ich hatte gestern eine Unterhaltung mit einem Freund, der sich regelrecht dazu berufen fühlte, mit Menschen eine Diskussion zu beginnen, sie sogar davon überzeugen wollte, dass ihre extremen Ansichten nicht richtig seien.

Er wollte sie verstehen.

Er wollte wissen, wieso sie z.B. den Holocaust verleugnen, Schwule vergasen wollen oder alle Frauen in die Küche gehören.

Das Problem bei der Sache:

Es gibt nichts zu verstehen.

Wie extreme Ansichten entstehen

Sehen wir uns doch erst einmal an, wieso Menschen andere Menschen eigentlich ausgrenzen.

Was bewegt sie dazu, gegen Andere einen so großen Hass zu entwickeln, dass sie sich dafür einsetzen, dass Andere anders behandelt werden, als sie selbst?

Was meint “anders behandelt werden”?

“Anders behandelt werden” meint, dass sich Menschen dafür einsetzen, dass andere Menschen nicht wie Menschen behandelt werden. In dem berüchtigten Standford Prison Experiment, das von dem Psychiater Dr. Phil Zimbardo durchgeführt wurde, wurde im Zuge der nachfolgenden Untersuchungen herausgefunden, dass einer der Schritte auf dem Weg “zum Bösen” der ist, dass wir andere Menschen “dehumanisieren”.

Dafür gibt es dutzende, kollektiv betrachtet grauenvolle Beispiele, wie z.B. die Sklaverei und den Holocaust. Dabei werden Menschen von anderen Menschen nicht wie Tiere behandelt, denn das würde ja noch einen Funken Empathie in ihnen auslösen, sondern wie Objekte.

Tatsächlich beschrieben mehrere Probanden des Standford Prison Experiments, die die Wächter spielten, dass sie “die Gefangenen irgendwann nicht mehr als Gefangene betrachteten”.

Das Experiment dauerte übrigens nur fünf Tage, da es frühzeitig abgebrochen werden musste, da die “Wächter” kurz davor waren, die “Gefangenen” zu missbrauchen und zu foltern. Es dauerte also nicht Wochen oder Monate, bis diese Dehumanisierung erfolgte, sondern nur wenige Tage.

Und das auch unter Testbedingungen, denn jeder wusste, dass es lediglich ein Experiment war.

Auf die Rückfrage Zimbardos, wie die Wächter die Gefangenen betrachteten, bekam er zuerst keine Antwort. Später folgten die Aussagen “Sie waren einfach keine Menschen mehr. Ich habe sie nicht mehr als Menschen gesehen, sondern einfach als Etwas.”

Es liegt nicht fern, dass der Begriff “Etwas” mit einer Sache gleichgesetzt werden kann, also einem Objekt. Sobald Menschen andere Menschen nicht mehr als Ihresgleichen ansehen, und sei es auch nur für einen flüchtigen Moment von wenigen Sekunden, sind sie dazu in der Lage, diese Menschen zu verletzen, zu töten, zu missbrauchen und zu foltern.

Damit diese Dehumanisierung stattfinden kann, bedarf es einer starken Unbewusstheit.

Das heißt, dass Menschen anderen Menschen gegenüber nach und nach durch unbewusstes Verhalten ein Bild aufbauen, dass feindselig und hasserfüllt ist.

Alleine schon im Begriff der “Anderen” steckt im Prinzip die Deutung, dass diejenigen anders sind. Wenn ich verinnerlicht habe, dass Menschen, die anders sind, nicht verdient haben zu leben, da ich sie nicht als Menschen sehe, sondern als Objekte, dann entsteht ein Feindbild.

Unbewusst baut sich dann ein großes Becken voller zerstörerischer Gefühle auf, denn, so glauben sie, “der Feind muss besiegt werden”. Was das bedeutet, das hängt natürlich von der Bereitwilligkeit desjenigen ab, der dieses Feindbild entwickelt hat.

Im Buddhismus gibt es 85.000 dieser Störgefühlte, die der Mensch entwickeln kann. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass wir in der Lage sind, uns alleine mit zwei dieser Gefühle so stark zu identifizieren, dass sie durch uns leben.

Aus dem Satz “Ich bin wütend” und einer intensiven Identifikation mit der Wut, die in jeder Zelle meines Körpers lebt, durch mich lebt, aber von mir nicht gelebt werden darf, da sie sich unangenehm anfühlt, entstand eine unglaublich zerstörerische Energie.

Wenn ich diese Energie nicht aufgelöst hätte, dann hätte sie mich weiterhin zerstört oder, je nach Feindseligkeit, andere Menschen.

“Ich fühle mich nicht mehr wie ein Mensch. Ich fühle mich, als wäre ich die Wut und die Angst selbst.”

Das habe ich in meiner ersten Sitzung zu meiner Psychologin gesagt, einen Tag nachdem ich mich selbst in eine Psychiatrie eingewiesen habe. Wenn in mir ein Feindbild entstanden und meine Hemmschwalle viel niedriger gewesen wäre, dann wäre ich sehr wahrscheinlich dazu bereit gewesen, die Wut auf andere Menschen abzuladen.

Klar ist also:

Unbewusst entsteht anderen Menschen gegenüber ein Feindbild. Dieses Feindbild wird erhalten, indem sich diese Menschen mit den Gefühlen identifizieren, die dadurch entstehen. Dieser Prozess läuft unbewusst ab, er ist somit nicht anrührbar durch rationale Begrifflichkeiten.

Wie wir Menschen mit extremen Ansichten begegnen können

Was können wir nun tun, wenn Andere uns verdeutlichen, dass sie solche Ansichten anderen Menschen gegenüber haben?

1. Sei du selbst die Veränderung, die du von anderen erwartest.

Akzeptiere und toleriere andere Menschen, wenn du das von anderen erwartest. Achte bei dir darauf, ob du das, was du von anderen erwartest, auch wirklich bei dir selbst umsetzt.

Damit meine ich nicht nur ein Verhalten, dass du bei anderen nicht gut findest, denn das ist nur die kleine Spitze des Eisbergs. Viel wichtiger und größer im Ausmaß auf deine Unbewusstheit sind deine Gedanken.

Hattest du gerade einen feindseligen Gedanken dem schwarzen Menschen gegenüber?

Hattest du gerade ein Gefühl der Ausgrenzung eines anderen Menschen?

Achte auf diese Gedanken und Gefühle. Beachte sie einfach nur, denn dadurch lösen sie sich auf. Bewusstes Erkennen senkt Unbewusstheit, die u.a. für diese Gedanken verantwortlich ist und stellt dich wieder auf die gleiche Ebene des anderen Menschen.

Erkenne dieses Ausgrenzen immer wieder.

Je öfter du es erkennst, desto geringer wird es.

2. Du kannst andere nicht ändern.

Das ist gleichzeitig enttäuschend, beängstigend und bestärkend.

Beängstigend für diejenigen, die glauben, dass andere Menschen sie verändern könnten, weshalb sie die Verantwortung lieber an diese abgeben, anstatt sich sich selbst zu stellen.

Bestärkend für diejenigen, die bereit sind, Veränderung in sich selbst durchzuführen, da sie erkannt haben, dass sie die Energie, die sie dafür verschwendet haben, andere verändern zu wollen, jetzt komplett auf sich selbst richten können. Das ist weder egoistisch, noch egozentrisch, sondern zeugt von Reife, Selbstverantwortung und Eigensinnigkeit. Mit diesen drei Attributen ist nicht nur uns selbst geholfen, sondern auch allen Menschen, denen wir täglich direkt oder indirekt begegnen.

Enttäuschend für diejenigen, die glauben, dass sie durch friedliche Diskussionen à la “Ich will denjenigen unbedingt umstimmen” jemanden von seiner Haltung abbringen könnten.

Aus zwei Gründen:

1. Dieses Verhalten ist ebenfalls unbewusst.

Warum?

ICH bin der Meinung, dass der ANDERE eine falsche Sichtweise hat.”

Damit stelle ich mich vom Grundsatz her auf die gleiche Stufe wie er, d.h. ich entwickle ihm gegenüber feindliche Gefühle und Gedanken. Das ist uns wieder nicht bewusst, da es unbewusst abläuft.

Deshalb müssen wir bewusst vermeiden, die Ansichten, Meinungen, politischen und religiösen Einstellungen anderer, als falsch zu betrachten und dagegen zu kämpfen. Ein Kampf ist immer zum Scheitern verurteilt, denn er impliziert ja schon, dass es einen Gewinner und einen Verlierer geben muss.

Wenn wir bewusst erkennen, dass wir jetzt gerade unbewusst handeln oder kurz davor sind, unbewusst zu handeln, dann vermeiden wir es. Das ist die einzige Möglichkeit, nicht noch mehr Unbewusstheit, also Feindseligkeit und Störgefühle, bei dem Anderen und in uns selbst auszulösen.

Das bedeutet nicht, dass du wir mit seinen Meinungen, Ansichten oder Einstellungen einverstanden sind, aber es gibt noch etwas zwischen “ich bin dafür” und “ich bin dagegen”. Die Welt ist nicht schwarz/weiß, unsere Gedanken, unsere Unbewusstheit, macht sie erst dazu. Es ist der Glaube, dass alles voneinander getrennt sei.

2. Veränderung kann niemals durch außen stattfinden.

Es gibt Menschen, die Jahrzehnte bei einem Psychologen in Behandlung sind und Probleme nicht gelöst bekommen.

Warum?

Ist der Psychologe inkompetent?

Nein.

Veränderung kann ausschließlich durch Integrität, Selbstverantwortung und Selbstdisziplin stattfinden, also auch die Bereitschaft, schlechte Tage zu akzeptieren und sie nicht als Rückfall anzusehen, sondern als einen natürlichen Rhythmus in unserem Leben.

Wir sind keine beeinflussbaren Wesen, denn wahre Veränderung benötigt ständige Überprüfung des eigenen Verhaltens, der eigenen Gedanken und der eigenen Gefühle.

Niemand wird in einer Psychotherapie “umgedreht” oder ein komplett anderer Mensch, da wir uns selbst die Grenzen stecken, innerhalb derer wir bereit sind uns zu verändern.

Niemand wird sich dadurch verändern, dass er sich einmal morgens sagt, dass heute alles gut wird und sich noch ein paar Mal “CHACKA! Ich schaffe das!” vor dem Spiegel aufsagt.

Wirkliche Veränderung, vor allem von unangenehmen Dingen, die sich in uns befinden, ist steinig, anstreckend und treibt uns weit über unsere eigenen Grenzen hinaus. Das ist keine einfache Aufgabe, sondern eine Lebensaufgabe. Zu Beginn wird sich dein Körper mit allen Waffen gegen Veränderung sträuben, denn die Schutzmechanismen dafür sind unglaublich stark. Erwarte es, dann wirst du nicht enttäuscht werden.

Es ist also naiv und zeugt von Unwissenheit (Unbewusstheit), wenn wir glauben, dass wir andere verändern oder umstimmen könnten, wenn doch die Veränderung von uns selbst so mühsam ist, dass die wenigsten Menschen diese alleine durchstehen.

Unser größter Feind sind nicht die Anderen.

Unser größter Feind ist unsere Unbewusstheit.

Sei bewusster und verändere dadurch das Mögliche.