Die Wutspirale: Wie du in sechs Schritten Wut und Hass auf deine Eltern auflöst

 

Sie sind diejenigen, die dafür verantwortlich sind, dass wir auf dieser Welt sind. Und doch gibt es gerade zwischen Kindern und ihren Eltern immer wieder Streit, der nicht selten in Wut, Hass und Groll endet.

Die unkontrollierte Herrschaft dieser Gefühle ist nicht nur destruktiv für uns selbst, sondern auch für unsere Eltern, denn wir leiden nie alleine.

Wie ich die Wut auf meine Eltern abgebaut habe und wie du es auch schaffen kannst, das möchte ich dir in diesem Artikel zeigen.

 

Die Saat des Bösen

Wie entstehen Gefühle wie Wut und Hass eigentlich? Und warum sind sie nicht nur für uns selbst schädlich? Wut, Hass, Missgunst und Groll entstehen, wenn wir demjenigen, der uns Leid zugefügt hat, dasselbe Leid ebenfalls wünschen.

Wir wollen, dass er spürt, wie schrecklich es sich für uns angefühlt hat, als er uns dieses Leid angetan hat.

Wut ist ein Gefühl wie jedes andere auch und so hat auch die Wut ihre Daseinsberechtigung. Unterdrückung von Wut gehört nach der Unterdrückung von Angst zu den schlimmsten Dingen, die wir uns selbst antun können.

Wenn wir die Wut wie ein Feuer immer wieder mit frischem, trockenem Holz befeuern, dann bleibt sie bestehen und wird stärker, toxischer und zerstörerischer. Das können wir sowohl innerlich, als auch äußerlich tun, indem wir z.B. Gewalt ausüben und so die Wut an andere weitergeben, wie einen Stab beim Staffellauf.

Innerliche und äußerliche Gewalt nährt den “Wutkörper”. Stattdessen müssen wir lernen, die Wut nicht weiter anzufeuern, sondern liebevoll in unser Leben einbauen.

Das mag dir vielleicht eigenartig erscheinen, da du dich mit der Wut nicht wohlfühlst, aber Wut löst sich nicht auf, wenn du sie nicht haben möchten. Sie will erkannt werden.

“Manche weise Männer haben den Zorn als eine vorübergehende Geistesstörung bezeichnet.“

– Lucius Annaeus Seneca

 

1. Verantwortung

Wenn wir die Wut nicht wahrnehmen und nicht akzeptieren, dann fordert sie nicht nur unsere Aufmerksamkeit, sondern auch die der Menschen in unserem Umfeld und vorallem von demjenigen, der unserer Meinung nach für die Wut verantwortlich ist.

Es ist allerdings wichtig, dass du selbst die Verantwortung für deine Wut übernimmst. Wenn du sie auf andere richtest, dann tust du das nur, weil du sie selbst nicht akzeptieren möchtest.

Akzeptanz allem gegenüber, was wir in uns tragen, ist der Schlüssel zur Auflösung von Leid.

Niemand kann dir deine Wut abnehmen. Betrachte deine Wut wie ein Organ, z.B. deinen Magen. Wenn du Magenschmerzen hast, dann versuchst du auch nicht deinen Magen loszuwerden, sondern suchst nach der Ursache.

Genauso hat Wut auch eine Ursache. Wenn du die Ursache kennst, dann kannst du genau dort ansetzen. Dazu kannst du dir folgende Fragen stellen:

  • woher kommt die Wut?

  • auf wen war ich wütend?

  • warum war ich wütend?

  • wollte ich das Problem lösen oder nur Recht haben?

  • habe ich nicht das bekommen, was ich erwartet habe?

Kümmere dich um die Wut und renne nicht demjenigen hinterher, der die Wut ausgelöst hat. Dadurch wirst du sie nicht los.

Wenn dein Haus oder deine Wohnung brennt, dann löschst du dein Haus oder deine Wohnung und rennst nicht dem Brandstifter hinterher.

Wut möchte erkannt werden. Sie möchte niemandem schaden, sondern einfach nur akzeptiert werden. Wenn du auf jemanden wütend bist, dann leidet derjenige mindestens genauso, wie du auch.

Es ist also sinnlos ihm Leid zuzufügen, denn er leidet bereits.

Wenn dir jemand Leid zugefügt hat, dann hat er dies getan, weil er selbst gelitten hat. Diesem Leid wollte er sich nicht stellen, weshalb er es “abgeben”wollte.

Das erkennt man schon bei Kindern auf dem Schulhof, die wütend sind, weil sie zuhause ungerecht behandelt werden. Sie tragen schon Leid in sich, sind allerdings noch nicht in der Lage, dieses zu verarbeiten.

Deshalb geben sie das Leid in Form von Wut oder Gewalt an andere Kinder weiter, die dadurch ebenfalls leiden.

Der Verursacher der Wut leidet immer selbst.

 

2. Achtsamkeit

Übe dich in Achtsamkeit. Achtsamkeit verdrängt die Wut nicht, sondern ist das Mittel, dass die Wut umsorgt und auflöst.

Wenn Ablehnung der Feueranzünder für die Wut ist, dann ist Achtsamkeit das Wasser.

Akzeptiere die Wut und begrüße sie

“Ach hallo, da bist du ja. Schön, dass du da bist. Kannst ruhig hier bleiben, stört mich nicht.”

Lehre dich in achtsamem Atmen

Nimm dir immer mal wieder eine Auszeit und beobachte einfach nur deinen Atem. Du kannst beim Einatmen “ein” und beim Ausatmen “aus” denken. Es geht nicht darum, deinen Atem zu verändern, sondern ihn einfach nur wahrzunehmen.

Übe dich in achtsamem Gehen

Wenn du gehst, dann gehst du. Baue das achtsame Atmen ein, während du gehst. Denke beim Einatmen “ein” und beim Ausatmen “aus” und tue nichts anderes, als zu gehen und zu atmen.

3. Nicht-Selbst

Eines der größten Irrtümer von uns Menschen ist es, dass wir glauben, dass es “Ich” und “Du”, also “uns selbst” und “alles andere”, gibt. Wir trennen uns von Mitmenschen und teilweise auch von uns selbst, z.B. von der Wut.

Es gibt kein “Ich” und “Du”.

Wir sind alle gleich. Wir unterscheiden uns lediglich im Aussehen. Noch weniger unterscheiden wir uns von unseren Eltern, denn wir tragen mehr in uns, als wir vielleicht wahrhaben möchten.

“Das Selbst besteht aus Nichtselbst-Elementen; darum gehört es zu unserer Übung, uns selbst verstehen zu lernen. Unser Vater ist ein Nichtselbst-Element. Wir behaupten, wir wären nicht unser Vater, dabei würden wir ohne unseren Vater gar nicht existieren. Er ist überall gegenwärtig in unserem Körper und in unserem Geist. Wir sind er. Wenn wir uns selbst, unser vollständiges Selbst, verstehen, ist uns klar, dass wir unser Vater sind — er ist nicht außerhalb von uns.”

– Thich Nhat Hanh

Wenn wir dieses “Nicht-Selbst” verstehen, dann hören wir auf, dem anderen die Schuld für unser Unbehagen zu geben und übernehmen selbst die Verantwortung für alles, was in uns und in unserem Leben geschieht.

Wenn wir verstehen, dass andere nicht für unsere Wut verantwortlich sind, da es kein “andere” mehr gibt, sondern nur noch ein “wir”, dann gibt es auch niemanden mehr, auf den wir unsere Wut projezieren können.

“Du und ich — wir sind eins. Ich kann dir nicht wehtun, ohne mich zu verletzen.”
– Mahatma Gandhi

4. Dankbarkeit

Jeder Mensch, dem wir begegnen, lehrt uns etwas. Wir müssen es nur erkennen. Wenn wir glauben, dass ein Mensch uns nur geschadet hat, dann haben wir nur nicht erkannt, was er uns gelehrt hat.

Diese Menschen nennen wir “Bad Teacher”, also “Böse Lehrer”. Zuerst meinen wir vielleicht, dass sie uns nichts gelehrt haben, aber das liegt nur daran, dass wir es nicht erkannt haben.

Wir sehen nur das Negative, das Leid, das sie uns zugefügt haben.

Die Lehre, das Positive, ist allerdings da, genauso, wie die Sonne auch immer da ist, obwohl wir sie nur selten sehen.

Selbst, wenn Dunkelheit, Regen, Sturm und Gewitter über uns herfegt, wissen wir, dass die Sonne anwesend ist.

So ist auch immer das anwesend, was uns von anderen gelehrt wurde. Wir müssen es nur erkennen. Dafür müssen wir die Wut erkennen, akzeptieren und mit der Achtsamkeit besänftigen.

Dann sehen wir, was wir aus dem Leid gelernt haben, das uns zugefügt wurde.

Dann sehen wir, dass nicht alles schlecht war, was wir erfahren haben, sondern, dass es auch Dinge gibt, für die wir dankbar sein können.

  • wir können dankbar für die Lehren an sich sein, die wir erkannt haben

  • wir können dankbar für das sein, was wir an uns lieben, wie z.B. unser einmaliges Aussehen, unsere Talente oder unsere Vorstellungskraft, die wir direkt von unseren Eltern übernommen haben

  • wir können dankbar für die schönen Momente sein, die wir mit unseren Eltern erlebt haben

  • wir können dankbar für das Leben sein, dass unsere Eltern uns geschenkt haben, denn ansonsten könnten wir die wundervolle Dinge nicht erleben, die wir so sehr lieben

 

5. Mitgefühl

Wir wissen, dass unsere Eltern auch leiden. Sie leiden durch die Wut, die wir ihnen zeigen und sie leiden durch die Wut, die ihnen selbst, vermutlich von ihren Eltern, angetan wurde.

Denke daran: Wut wird immer weitergegeben, bis jemand die “Wutspirale” beendet.

Unsere Eltern leiden also doppelt, denn sie müssen auch das Leid verarbeiten, dass ihnen angetan wurde. Wenn die Verursacher des Leids nicht mehr leben, dann kann hier nicht einmal mehr eine Aussprache die Wut lindern.

 

6. Kommunikation

Rede mit anderen über deine Wut. Lasse genau das heraus, was gehört und gesehen werden möchte. Gehe zu den Menschen, von denen du glaubst, dass sie deine Situation gerechter machen können. Wenn sie dir Recht geben, dann freue dich darüber, wenn sie es nicht tun, dann gehe so durch das Leben, wie du es für richtig hältst.

Gandhi hat über seine Wut gesprochen. Er war es, der Indien von der Unterdrückung befreite, indem er die Wut, die in ihm dadurch ausgelöst wurde, mit eigenen Worten ausdrückte.

Afroamerikanische Bürgerrechtsaktivisten haben ebenfalls über ihrer Wut freien Lauf gelassen, als sie in den Sitzen saßen, die eigentlich für Weiße reserviert waren.

Martha Beck, Kolumnistin von The Oprah Magazine, schreibt:

“Auch, wenn dein Problem trivial ist, ist der Prozess, deine Wahrheit zu leben, anstatt dem System nachzugeben, der einzige Weg, um Wut von einer bitteren, explosiven Kraft in Treibstoff für Veränderung zu verwandeln.”

Ich hoffe, dass ich dir etwas mitgeben konnte, dass du für dich verwenden kannst. Wut und Hass auf unsere Eltern ist eine Einbahnstraße, weshalb du unbedingt umkehren solltest.

Sie brodeln weiter in dir, sobald du mit den Übungen beginnst, doch mit der Zeit werden sie immer schwächer werden. Ich wünsche dir, dass du, genauso wie auch ich, das Leid verarbeiten und die Wut auflösen kannst, die du in dir trägst.

Dieses Leid hat niemand verdient.

Der Schwache kann nicht verzeihen. Verzeihen ist eine Eigenschaft des Starken.

– Mahatma Gandhi

Zum Abschluss noch ein wundervolles Gedicht von Buddha zum Thema Wut:

Wo sollte Zorn für denjenigen aufkommen, der des Zorns leidet, Hält den geraden Tenor seines Weges, selbstgezähmt, heiter, durch höchste Einsicht frei? Schlimmer von den Beiden ist, wer, wenn er beschimpft ist, schmäht wieder. Wer tut nicht, wenn er beschimpft ist, schmäht wieder, ein zweifacher Sieg gewinnt. Sowohl der andere, als auch er sucht das Gute,  denn er ist wütend auf den Anderen. Er versteht und wächst ruhig und still. Derjenigen von beiden ist ein Arzt, der sich selbst heilt und den anderen auch.  Das Volk hält ihn für einen Dummkopf,  denn sie kennen die Norm nicht.”