Die schwierigste Entscheidung: Aus Selbstschutz den Kontakt zu den Eltern abbrechen

Ich sitze in einer Familienaufstellung mit meiner Therapeutin. Monate später werden sich diese Therapiestunden als die herausstellen, die das Verhältnis zu meinen Eltern entscheidend veränderten.

“Warum haben Sie diese Muschel gewählt?”, fragt meine Therapeutin mit Blick auf den runden Tisch vor uns. Ich habe eine Kiste mit kleinen Gegenständen auf dem Bein stehen: Legosteine, Holzsteine, Muscheln. Alle in völlig unterschiedlichen Formen.

Ich habe eine kantige, kleine Muschel ausgesucht und auf den Tisch gestellt. Sie repräsentiert meine Mutter.

“Hmm…”, überlege ich, “irgendwie habe ich sie nie richtig verstanden. Sie hat viele Facetten, ist unnahbar. Es tut manchmal weh, ihr Nahe zu kommen, doch gleichzeitig hat sie eine faszinierende Persönlichkeit.”

“Sie sieht sehr zackig und kantig aus. Haben sie Angst vor ihr?”, fragt meine Therapeutin.

“Nein. Ich glaube aber, dass sie mir schadet.”

Gefangen in Fragen

Das Verhältnis zu den Eltern ist das stärkste Band, welches wir mit anderen Menschen verbinden. Biologische, soziale und oft auch religiöse Faktoren, mischen sich zusammen und verwirren unser Verhalten derart, dass wir oft nicht mehr wissen, was nun richtig, was falsch, was angemessen, was nicht angemessen ist.

Wir stellen uns Fragen:

Darf ich wütend auf meine Eltern sein?

Darf ich meinen Eltern sagen, dass sie mir das Leben schwer gemacht haben?

Darf ich meinen Eltern verzeihen?

Wie kann ich meinen Eltern verzeihen?

Vergebung kultivieren

Einige Wochen, bevor ich an dem Tisch mit den Gegenständen saß, begann ich zu verstehen, dass Eltern niemals aus Hass oder blinder Wut ihren Kindern gegenüber handeln. Das hat die Natur so nicht eingerichtet. Sie leiden. Sie leiden enorm. Sie wissen nicht, dass sie leiden und wenn sie es wissen, dann wissen sie nicht, wie sie ihr Leid beenden können.

Ich stellte mir die Frage:

“Haben meine Eltern vielleicht alles getan? Haben sie einfach nur das getan, was in ihren Möglichkeiten stand?”

Manche Eltern sind mit sich selbst und ihrem Leben derart überfordert, dass die Erziehung ihres Kindes oder den Kindern eine Aufgabe darstellt, die sie mit ihrer Überforderung bewältigen müssen.

“Kann ich versuchen, mich in diese Situation hineinzufühlen?”

Ich tue es. Ich versuche zu verstehen, wie ich gehandelt hätte, wenn die Umstände meiner Eltern meine eigenen Umstände gewesen wären.

“Okay. Ich wäre vermutlich überfordert gewesen.”, antworte ich mir selbst. Plötzlich verspüre ich Mitgefühl mit dem Kind in mir, welches unter der Wut und dem Groll meinen Eltern gegenüber leidet.

“Das Mitgefühl mit uns selbst schenkt uns das Vermögen, die Verurteilung in Vergebung zu verwandeln, den Hass in Freundschaft und die Furcht in Respekt vor allen Lebewesen.” Jack Kornfield

Wut umwandeln

Ich akzeptierte meine Wut. Ich musste sie akzeptieren, denn mein Körper zwang mich mit seinen Panikattacken und körperlichen Schmerzen dazu.

Ich ging durch die Wut hindurch.

Ich umarmte sie.

Die Wut befand sich in dem inneren Kind in mir, welchem ich mich täglich zuwandte.

Als sich Vergebung ausbreitete und die Wut abschwächte, konnte ich langsam wieder rational denken.

Wut schaltet unseren Verstand ab, denn sie aktiviert unser vegetatives Nervensystem. Undzwar den Teil dieses Nervensystems, der für Kampf oder Flucht verantwortlich ist.

In einer Kampf-/ oder Fluchtsituation können wir nicht klar denken, sondern handeln selbst-/ oder fremdschädigend. In meinem Fall schadete ich ausschließlich mir selbst, meine Eltern bekamen davon lediglich in Form eines bösen Briefes, der halbjährlich in ihren Briefkasten flatterte, etwas mit.

Die entscheidende Frage stellen

Und dann saß ich an diesem Tisch, stellte die kantige Muschel neben den Gegenstand, der mich repräsentieren sollte. Und ich war in der Lage, die Fragen, die meine Therapeutin mir stellte und die Fragen, die ich mir stellte, ohne Hass oder Wut zu beantworten, sondern mit einem “gesunden” Verstand.

“Diese spitze Muschel scheint Ihnen zu schaden”, sagte sie halb fragend, halb beobachtend, “sie ähnelt dem Gegenstand Ihres Vaters, der ebenfalls erdrückend auf sie wirkt.”

“Ja, doch sie tun mir Leid. Ich würde ihnen gerne helfen, aber…”

“Das ist nicht ihre Aufgabe”, unterbrach sie mich, “Ihre Eltern sind erwachsen, sie können sich um sich selbst kümmern. Jetzt, nach 23 Jahren, sind Sie an der Reihe. Sie müssen auf ihre Gesundheit achten. Sie müssen das tun, was ihnen gut tut. Wenn ihre Eltern Hilfe brauchen, dann können sie sich diese holen, doch nicht bei ihrem Sohn.”

Es ähnelte einer Entscheidung.

Sie war nicht selbstlos, doch sie war erleuchtend.

Sie war fern von Hass, Wut und Groll.

Sie war das, was endlich notwendig war, um mich von dem zu distanzieren, wozu ich zu verändern nicht in der Lage war, weshalb ich auf mich selbst achtgeben musste:

Dem Leid meiner Eltern.

Und dann war da nur noch reines Mitgefühl …

Coverbild: https://www.artpal.com/?s=parents&f_ss=1&i=51082-28

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