Die Psychologie des Joker (2019)

Menschen, die ein wenig „anders“ sind haben mich schon immer fasziniert. Vermutlich bin ich deshalb Psychologe geworden und beschäftige mich auf Basis von menschlicher Gestörtheit mit den Abgründen der menschlichen Existenz, um nachvollziehen zu können, was Böses verursacht. Nur dann, wenn wir die Gründe für etwas kennen, sind wir dazu in der Lage, es zu verhindern.

Joker faszinierte mich schon immer. Heath Ledger als Joker war eine der besten Rollen, die ich jemals gesehen habe. An Halloween oder Karneval war ich unzählige Male als Joker verkleidet.

Mit ein wenig Hintergrund maße ich mir nun an, die Psyche des Jokers in einer Art und Weise zu erklären, die natürlich nur meinen Beobachtungen gerecht wird. Zusätzlich habe ich nach dem Film mit anderen Psychologen gesprochen, um keine Facette zu vergessen. 

1. Narzisstische Persönlichkeitsstörung (NPS) und Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

Seine NPS zeigt sich anfangs eher subtil, wird durch den Kontext des Filmes allerdings deutlich bzw. fast schon notwendig und in einer Schlüsselsituation völlig klar. Notwendig deshalb, weil schwache Persönlichkeiten, die seelisch oder körperlich missbraucht wurden, oft eine NPS in sich tragen, denn um die vermeintliche Schwäche zu kompensieren, nutzen sie den vermeintlichen Größenwahn. Das eine soll das andere ausgleichen. Noch deutlicher wird die NPS allerdings dann, wenn aufgelöst wird, dass die besonders freundliche, ihn in den Himmel lobende Nachbarin nur eine Einbildung war. Verstehen wir das einfach als Ausgeburt von Arthurs eigenem Verstand, als filmische Versinnbildlichung seiner NPS.

Mit dem Aufgeben seiner Unsicherheit geht nicht nur das aufgeben seiner Moral einher, indem er Menschen tötet, die sich über seine Unsicherheit, in unterschiedlichen Formen, lustig machen, sondern auch sein schmerzhaftes Lachen. Warum das so ist, lässt sich relativ einfach konstruieren: Das gequälte Lachen ist Ausdruck einer PTBS, denn es entstand in seiner Kindheit, als ihm unter Folter einverleibt wurde, er solle mehr lachen. Ist er unsicher, kommt das Lachen hervor, das Trauma dringt also in Form des Lachens in sein Leben. Je selbstsicherer er wird, auch wenn dadurch jegliche Form der geistigen Gesundheit verloren geht, desto weniger dringt das Trauma, sein gequältes Lachen, in sein Leben. Er wird den Schmerz seines Traumas los, indem er sich über den Schmerz hinwegsetzt. 

Ab diesem Moment wird Arthur selbstsicherer: Er geht aufrecht, er lacht (normal), er tanzt, er macht Witze und vor allem geht es ihm jetzt absolut nur noch um ihn selbst. Wir sollten diese Tatsache für sich nicht als psychische Störung betrachten, denn es soll schließlich die Gesellschaft Gotham’s widerspiegeln und Gotham die globale Gesellschaft. Da ich die Theorie der egoistischen Psychologie vertrete, wonach wir grundsätzlich egoistisch handeln, reiht Arthur sich hier in die Reihen einer Gesellschaft ein, die durch verschiedene Faktoren das Gemeinschaftsgefühl verloren hat. Doch er geht hier nicht mit gebücktem Körper. Nicht mehr. Durch seine aufkommende Selbstsicherheit gehen die Schmerzen der Unsicherheit und des Traumas zurück, und es kommt das hervor, was Arthur wirklich ausmacht, nennen wir es mal sein wahres Ich. 

2. Antisoziale Persönlichkeitsstörung (APS)

Die Studienlage, ob “böses Verhalten” angeboren oder durch bestimmte Erlebnisse erschaffen wird, ist relativ eindeutig, allerdings ist die Psyche gleichzeitig zu komplex, um es exakt zu konstruieren: Es ist beides. Arthur hatte vermutlich eine genetische Prädisposition für eine antisoziale Persönlichkeitsstörung. Durch den Zusatz seiner schwierigen, von Traumatas und Verdrängung von Freude und Schmerz gebeutelten Kindheit, wurde diese vermutlich verstärkt und diente ab sofort als Katalysator für die fehlende Moralschranke in seinem Gehirn. Das trifft übrigens auf viele Menschen mit einer antisozialen Persönlichkeitsstörung zu, die letztendlich zu Mördern, Vergewaltigern usw. werden. 

Problematischer wird bei Arthur die Verstärkung seiner NPS durch das Bejubeln der Massen seines Verhaltens. Die Gesellschaft unterstützt seinen angeblichen Kampf gegen das Proletariat, der eigentlich niemals seine Intention gewesen war. Arthur fühlt sich noch mehr bestärkt in seiner Rolle und seinem Verhalten. Sein altes Leben, voller Schmerzen, Traumata und Unsicherheit, lässt er hinter sich. Aus Arthur wird Joker, ein narzisstischer, augenscheinlich selbstsicherer Rächer, der gegen den Glauben in der Stadt kämpft, dass es einen Sinn macht, überhaupt noch an etwas Gutes zu glauben, geschweigedenn dafür zu kämpfen, denn das widerspricht nun absolut seiner Überzeugung. 

Athur, aber auch Joker, lachen dann, wenn es abgründig wird. Wenn das Leid des Lebens zuschlägt, wenn das Düstere in den Alltag dringt, wenn die Hölle auf den Himmel trifft. Die schiere Unmöglichkeit der Konfrontation mit dem Leid brachte ihn zum Lachen, denn das war seine Möglichkeit, den Schmerz der Realität zu ertragen, indem er einen anderen Schmerz dafür missbrauchte.

Das ist das, was wir alle tun.

Joker stellt lediglich die brutale Form unserer selbst dar.

Und deshalb verstehen wir ihn.

Irgendwie.