Die Erschaffer der Angst: Wie Apps und Gadgets das Gefühl des Kontrollverlustes aufbauen

Ich sitze mit meinem Arbeitskollegen in der Kantine. Er erzählt mir völlig begeistert von seinen Apps auf seinem Handy und seiner Apple Watch.

“Hiermit zähle ich meine Kalorien”, sagt er und zeigt mir die App, in die er alle Mahlzeiten eintragen kann, “und hier erscheinen sie dann in Form eines Diagrammes auf meiner Smartwatch.”

Er hält mir seine Uhr hin, auf der bunte Kreisdiagramme, die mich an schlechte Powerpoint-Präsentationen von früher erinnern, seine Makro-/und Mikronährstoffe und seine heutige Kalorienaufnahme anzeigen.

Ich frage ihn: “Hast du verlernt zu rechnen?”

Das Gespräch ist beendet.

Die Frage, die nicht gestellt werden darf

“Sind wir die letzten Jahre kollektiv zu blöd geworden, um einfache Prozesse unseres Lebens auf die Reihe zu bekommen?”

Ich frage mich das tatsächlich in letzter Zeit. Folgende Verhaltensweisen:

  • wir schreiben uns Termine in unser Handy, anstatt sie uns zu merken

  • wir brauchen Lesezeichen/Eselsohren, um den Fortschritt eines Buches zu markieren, antatt uns eine zwei-/ bzw. dreistellige Zahl zu merken

  • wir messen unseren Kalorienverbrauch/Kalorienbedarf, anstatt mit der Mischung aus gesundem Menschenverstand und Körpersignalen das zu essen, was wir für korrekt halten und zu der Zeit zu essen, die wir für korrekt halten

  • wir benötigen eine App, die uns darauf hinweist, etwas zu trinken (….sorry, bin sprachlos)

  • wir brauchen eine App, die uns im nachhinein sagt, ob wir heute Nacht gut geschlafen haben

  • wir müssen uns eine to-do-Liste erstellen, da wir nicht in der Lage sind, ein paar Dinge im Kopf zu behalten und nacheinander abzuarbeiten.

Ich könnte die Liste unendlich weiterführen. Es ist leider so selbstverständlich geworden, komplett unbewusst und ohne auch nur kurz darüber nachzudenken, Selbst-Management, Selbst-Kontrolle und Selbst-Tracking in unser Leben einzubauen.

Warum tun wir das?

Die Frage wird man ja wohl noch stellen dürfen.

Klare Antwort: Wir haben Angst

Wir haben das Gefühl, dass wir der Informationsflut der heutigen Zeit nicht mehr gewachsen sind. Wir können sie sogar tatsächlich nicht mehr verarbeiten. Vor 20 Jahren waren noch diejenigen im Vorteil, die Informationen ansammeln konnten. Heute sind es diejenigen, die die Informationen verarbeiten können.

Zudem sind wir mit den täglich 25.000 Entscheidungen, die wir treffen müssen, schlichtweg so überfordert, dass wir uns fühlen, als ob wir ständig durch eine Waschtrommel gejagt werden würden. Wir schleudern hin und her und verlieren den Überblick. Über das Leben, über uns selbst.

“Dass das Leben heute viel temporeicher wahrgenommen wird als früher liegt daran, dass die Maßzahl des Tempos nicht die Minute, sondern die Anzahl der Entscheidungen ist, die getroffen werden müssen.”

– Michael Winterhoff, Psychiater

Da fühlen sich diese Apps und Gadgets, die uns etwas Halt bieten, tatsächlich an wie Seile, die uns in alle vier Himmelrichtungen ziehen, um nicht umzukippen. Doch diese irrationale Angst, die Kontrolle, den Boden unter den Füßen zu verlieren, das Selbst zu verlieren, ist das Symptom. Sie ist nicht die Ursache.

Der richtige Boden

Apps und Gadgets bieten keinen Halt. Sie gauckeln uns vor, dass wir durch sie die Kontrolle bekommen würden, die uns in dieser schnellen und verwirrenden Welt immer wieder abhanden kommt. Doch die Lösungen liegen woanders und sind so naheliegend. Hier ein paar Vorschläge, die alle Apps und Gadgets ersetzen und dir wieder das Gefühl geben, dass du das Steuer selbst in der Hand hast:

1. Gehe andere Wege

Zur Arbeit, zur Familie, egal wohin. Nimm nicht immer den gleichen Weg, sondern entscheide dich bewusst für einen anderen. Gehe auf die andere Straßenseite oder durch den Park. Nimm deinem Gehirn den Auto-Pilot weg.

2. Schalte das Handy auf Flugmodus

Nach dem Abendessen war’s das mit dem Handy. Schalte es aus und lege es in einen anderen Raum. Kaufe dir einen Wecker, anstatt den Handywecker zu benutzen.

3. Sage entweder “Verdammt, ja!” oder “Nein”

Nimm Entscheidungen aktiv in die Hand. Ein “ja” obwohl du ein “nein” meinst, ist gefühlter Kontrollverlust. Du hast die Macht über deine Entscheidungen und wenn du keine Lust hast, dann hast du keine Lust.

4. Trainiere dein Gehirn wieder um

Wenn du ständig Apps benutzt hast, die dich an etwas erinnert haben, wirst du erst einmal erschrecken, wenn du sie nicht mehr benutzt. Dein Gehirn muss sich erst wieder daran gewöhnen. Der Hippocampus wird nun aktiver, denn er ist dafür zuständig, Informationen vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis zu übertragen. Du brauchst keine “Gehirnjogging-App”.

Du brauchst weniger Apps!