Der heimliche Groll: Was Nietzsche uns über den Umgang mit Neid lehrt

Besonders in dunklen Momenten neigen wir dazu, zu bemängeln, dass da etwas in unserem Leben fehlt.

Irgendwie waren wir unfähig der Karriere nachzugehen, die wir uns so sehr gewünscht haben.

Unser Partner erfüllt uns nicht so, wie wir es erwartet haben. Wir wünschen uns einen anderen.

Wir haben katastrophale Fehler gemacht, die wir nie wieder korrigieren können.

Unser Aussehen beschämt uns, ekelt uns vielleicht sogar irgendwie an.

Friedrich Nietzsche beschrieb Neid als die Emotion, die am meisten Arbeit benötigt und nicht nur einzelne, sondern auch kollektive Schäden verursacht. In diesem Artikel möchte ich seine Erkenntnisse und Ideen näher beleuchten, sodass du in der Lage bist, mit dem leidvollen Gefühl besser umzugehen.

Der heimliche Groll

Friedrisch Nietzsche brachte Neid mit dem Wort “Ressentiment” in Verbindung, was so viel wie “heimlicher Groll” bedeutet. Er lenkt unseren Blick also auf die Demütigung, die wir in uns verspüren, wenn wir etwas entdecken, was wir gerne haben würden, aber nicht haben.

In seinem Buch Zur Genealogie der Moral: Eine Streitschrift zeigt Nietzsche auf, wie unsere Vorfahren mit Neid kämpften:

In schwierigen Zeiten, wie zum Beispiel der Antike, unterschieden sich die hirarchischen Ebenen der Menschen noch stärker als heute voneinander. Den Reichen war es vorbehalten, Nahrung, Gold, Waffen, Land und Frauen zu besitzen, während die Armen oftmals auf der Straße um Nahrung betteln mussten.

Die Armen waren also nicht dazu in der Lage, sich gegen die Reichen und Mächtigen aufzulehnen, weder mit Waffen, noch mit anderen Mitteln. Sie bestraften sie also mit Schuld, mit “heimlichem Groll”, sodass sie ihnen wenigstens den Schlaf rauben konnten. Sie benutzten also die kostenfreie Waffe, die allen Menschen zur Verfügung steht:

Das Gewissen.

“Der schweigende Neid wächst im Schweigen.”

– Friedrich Nietzsche

Das Gewissen stellt auch, so Nietzsche, eine zentrale Rolle im Christentum dar. Der Christentum unterteilt seit seiner Entstehung strikt in “Gut und Böse”, Himmel und Hölle, Oben und Unten, Mächtig und schwach usw. Die aristokratischen Werte stellen hier grundsätzlich das Böse dar, während das Gute damit markiert wird, was die Masse für gut hält.

Kein Geld zu haben galt im Christentum als “noble Armut”, keine Bildung zu haben wurde mit “Aufrichtigkeit” in Verbindung gebracht, die Zurückhaltung der Sexualität mit “Keuschheit” und die Unfähigkeit sich zu rächen mit “Vergebung”.

So waren die Christen mit der Erfindung dieser Unterteilungen in allen Bereichen dazu in der Lage, bei anderen ein unhaltbares Gefühl der Schuld hervorzurufen. Nietzsche war begeistert von dieser Kühnheit, hielt die Vorgehensweise allerdings gleichzeitig für einen “entsetzlich schlechten Glauben und die Degradierung der europäischen Zivilisation”. Weiterhin schrieb er:

Ein Bürger des Ressentiment ist weder naiv, noch ehrlich oder aufrichtig mit sich selbst. Seine Seele schielt, sein Verstand mag dunkle Ecken, geheime Pfade und Hintertüren.

Für Nietzsche war die geistige Gesundheit eines Menschen u.a. daran messbar, ob er dazu fähig war, die Verunglimpfung zu ertragen, wenn er etwas haben wollte, was er nicht haben konnte. Es benötigt eine Ressistenz der Lücke in unserem Leben gegenüber, die den Drang verspürt, dieses unangenehme Gefühl zu vertreiben. Für Nietzsche ist es bezeichnende zu sagen, wer man sein möchte, als seine Persönlichkeit zu verdrehen und sich in Unwohlsein zu suhlen. Er lehrt uns, dass wir unserem Leid ins Auge schauen sollen.

Der Wunsch, Werte auf der Basis von verdrängtem Neid neu zu zeichnen, war ein Manöver, das unter vielen Gestalten auftreten konnte. Seine Angriffe mögen hart und möglicherweise sogar eine absurde Verteidigung der gehobenen Werte der Oberschicht sein.

Dabei war Friedrich Nietzsche kein Aristokrat. Er war aufrichtig und ehrlich sich selbst gegenüber und so gab er selbst in dunklen Momenten zu, dass er gerne heldenhafter und mutiger wäre.

Er lehrte uns, dass es der reifeste Akt, zu dem wir in der Lage sind, ist, die Stärke unseres Neides zu akzeptieren, anstatt in philosophische Lehren der Ablehnung zu verfallen. In all ihrer genialen Verkleidung.