Der fundamentale Fehler: Wieso wir Ängste ablehnen und was es mit uns macht

Ängste werden gesellschaftlich nicht akzeptiert. Ganze Industrien bauen darauf auf, dass wir Angst haben und sie nutzen diese Angst für ihre Profite. In Beziehungen jeglicher Art vermeiden wir es, über unsere Ängste zu reden und sind stattdessen besoffen, bekifft, von Filmen abgelenkt, wütend oder übertrieben glücklich, aber Hauptsache nicht ängstlich.

Wieso gehen wir damit den schlimmsten Fehler ein? Wieso sollten wir damit aufhören, unsere Ängste wie etwas zu behandeln, dass aus unserem Körper entfernt werden sollte, wie ein Tumor? Die Antwort will niemand hören.

Die Angst als edles Gift

Dein Körper beseitigt Gifte nicht, indem er ihre Namen kennt. Um zu versuchen, Furcht oder Depression oder Langeweile zu kontrollieren, indem man die Namen nennt, muss man auf Aberglauben des Vertrauens in Flüche und Anrufungen zurückgreifen. Es ist so einfach zu sehen, warum das nicht funktioniert. Offensichtlich versuchen wir, Angst zu erkennen, zu benennen und zu definieren, um sie “objektiv” zu machen, d.h. getrennt von “Ich”.

– Alan Watts

Wir denken und handeln dementsprechend:

“Aha. Hier bin ich und dort ist meine Angst. Ich darf keine Angst haben.”

Ich darf Angst nicht “haben”. Wir Menschen haben Autos, Wohnungen, Kleidung. Doch wir haben keine Angst. Sprache und Gedanken wirken sich so fundamental auf unsere Haltung, unser Innenleben aus und umgekehrt, dass wir besser darüber nachdenken sollten, bevor uns alles um die Ohren fliegt.

Wir haben keine Angst, sondern fühlen Angst. Das sagt natürlich niemand, was das gesellschaftliche Dilemma noch deutlicher beschreibt, oder? Wir fühlen unsere Ängste nicht mehr, sondern wollen sie besitzen und kontrollieren und bitte auch die Ängste anderer, denn die spiegeln schließlich unsere eigenen Ängste wider.

Wenn jemand also zu uns kommt, das Verhalten des Partners gegenüber dem anderen Geschlecht rügt und dahinter offensichtlich pure Angst verlassen zu werden steckt, dann spüren wir unbewusst ebenfalls diese Angst, wenn sie auch ins wohnt. Sofort fahren die Wände hoch und es sprudelt aus uns heraus:

“Das geht ja mal gar nicht! Sein Verhalten ist unter aller Sau! Lass dir das nicht gefallen!”

Die Ursache, warum derjenige zu uns gekommen ist, war Angst. Er wollte nicht hören, was sein Partner für ein Arsch ist. Vielleicht denkt er es selbst, doch unsere Reaktion sollte ja nicht seine Wahrheit (die falsche Wahrheit!!!) bestätigen, sondern ihn an die Hand nehmen und das in uns an die Hand nehmen, was hier in dieser Situation Angst hat und ihm liebevoll sagen:

“Anscheinend ist da Angst in dir, kann das sein? Ich kann das nachvollziehen, wie sich das anfühlt oder zumindest versuche ich es. Ich bin bei dir.”

Es braucht gar nicht viele Worte. Es braucht wenige Worte. Je mehr wir dazu neigen, viele Worte zu benutzen, desto eher neigen wir dazu, die Ängste, die in diesem Moment aufblühen, zu relativieren, zu objektivieren. Wir neigen dazu, in alte und starke Muster zu fallen. Wir neigen dazu, Dinge zu sagen, wie:

“Das wird schon wieder, glaub mir” oder “Lass uns etwas anderes tun, du brauchst Ablenkung” oder “Verstehe ich.”

Was gibt es hier zu verstehen? Was muss denn hier anders gemacht werden, weshalb wir unseren Verstand einsetzen müssten? Wir müssen hier kein Haus bauen oder eine Matherechnung lösen!

Es braucht weder Ablenkung, noch Verstand. Es braucht Akzeptanz für das, was ist. Es braucht einfach nur die Entfaltung des Momentes und allem, was sich in diesem Moment befindet. Und wenn sich Angst entfalten möchte, dann lassen wir sie sich entfalten. Ansonsten zerfrisst sie unser Leben und alles, was wir lieben.

Warum? Ist sie böse? Nein. Sie ist einfach nur. Sie ist, wie alle anderen Gefühle, einfach nur ein Gefühl. Im Gegensatz zu Freude oder Liebe kann sie allerdings Kräfte entwickeln, die alles sprengen können, wozu alle anderen Gefühle negativ betrachtet jemals in der Lage wären. Deshalb unser Hang zur Ablehnung. Deshalb die Krux. Deshalb das Dilemma.

Die Angst fühlen

Wir müssen es schlichtweg lernen, Angst zu fühlen. Wir sind wie ein Baby, dem gezeigt werden muss, dass der Spielzeug-Dino nicht echt, nicht gefährlich, ist. Es wird vielleicht ein-/ oder zweimal weinen, wenn es den Dino sieht. Dann wird es erkennen, dass der Dino gar nicht böse ist, sondern sogar Spaß machen kann.

Ich behaupte nicht, dass der Umgang mit der Angst Spaß macht, doch gibt es eine Alternative? Das, was geschieht, wenn wir Angst zulassen, erreichen wir nicht anders. Es gibt nur diesen einen Weg und der führt nur durch die Akzeptanz der Angst.

Nehmen wir ein Beispiel: Die kollektive Angst der gesellschaftlichen Ablehnung.

Die Angst ist natürlich irrational, wie die meisten Ängste. Irrationale Ängste schaukeln sich gegenseitig hoch, da unser Gehirn nicht zwischen realen und irrationalen Ängsten entscheiden kann. Wir müssen unser Gehirn, wie das Baby mit dem Dino, an die Hand nehmen und ihm zeigen:

“Hier schau. Dir passiert nichts. Du darfst Angst haben.”

So geschieht Veränderung.

“Aha”, denkt sich unser Gehirn, wäre es ein Mensch, allerdings in seiner eigenen Art und Weise,”anscheinend darf ich diese Angst haben.”

Im Beispiel der Angst vor der gesellschaftlichen Ablehnung gibt es tausende Möglichkeiten, diese Angst nicht fühlen zu müssen. Die Allzweckstrategie, die viele “Umwege” um die Angst herum enthält, ist die Anpassung. Wir passen uns gesellschaftlichen Strukturen und auch Einzelpersonen an, anstatt für eine gewisse Zeit zu akzeptieren, dass da Angst in uns ist und diese Angst auszuhalten.

Wir kaufen uns teuren Schrott, um Menschen zu beeindrucken. Es ist uns völlig egal, ob diese Menschen uns für den Schrott loben oder den Schrott toll finden. Es geht uns schlichtweg nur darum, diese Situationen zu vermeiden, in denen es möglich wäre, das Gefühl der soziale Ablehnung zu spüren oder sogar real zu erfahren.

“Du hast nur einen billigen Opel?”, fragt unser Arbeitskollege.

“Oh nein”, denken wir. Vielleicht denken wir es auch nicht, zumindest macht sich ein eigenartiges Gefühl in uns breit. Wir spüren es vielleicht in der Brust, sind wir unbewusst, spüren wir es gar nicht, sondern versuchen die Situation nur so schnell wie möglich zu retten. Wir versuchen uns zu retten. Wir schwimmen im Meer unserer Angst und versuchen uns mit aller Kraft auf ein kleines Boot zu ziehen.

“Mein Auto ist in der Werkstatt”, sagen wir vielleicht, “ist das Auto von meinem Bruder.”

Puh, noch einmal Glück gehabt.

Tatsächlich? Ist das die Form von Glück, die wir anstreben? Nein, natürlich nicht. Es ist unsere konditionierte Form der Angstvermeidung, die solche Maße angenommen hat, dass wir sie gar nicht mehr wahrnehmen und auch nicht mehr loslassen wollen bzw. können.

Alles in unserem Leben besteht, betrachten wir die Wurzel, nur noch aus Angst:

  • die Angst, von anderen Menschen verlassen zu werden oder alleine der Gedanke daran

  • die Angst, von anderen Menschen abgelehnt zu werden oder alleine der Gedanke daran

  • die Angst, nichts Wert zu sein oder der Gedanke daran oder die Vorstellung davon, dass andere das über uns glauben

  • die Angst, in Zukunft nicht glücklich zu sein, wobei wir unsere jetzige Unzufriedenheit auf die Zukunft übertragen

  • die Angst nicht genug Geld zu haben, um Dinge zu kaufen, die uns das Gefühl geben, wertvoll zu sein, nicht abgelehnt zu werden

  • die Angst, die Kontrolle über unser Leben zu verlieren, z.B. bei Krankheiten, bei Unfällen, im Alter, im Tod oder einfach bei allem, was uns Angst bereitet.

Wir kümmern uns um die Symptome. Wir betrachten nicht die Wurzel allen Übels. Die Wurzel, die wir nicht besiegen, indem wir sie mit Gegengift zerstören. Wir streichen die Wand täglich neu, ansatt den Schimmel dahinter zu entfernen. Wir haben Angst. Immer. Und überall. Vor allem. Doch die Lösung kann nicht verändert werden und früher oder später oder auch nie, werden wir erkennen, dass es unumgänglich ist. Dass es nur eine Lösung gibt, unsere Ängste aufzulösen:

Uns mit ihnen zu konfrontieren, sie zu umarmen und zu akzeptieren.

Alles andere ist eine Illusion.