Der Dickens Prozess:Wieso meine Angst vor dem Worst-Case unberechtigt war

2015 durfte ich mein komplettes Worst-Case-Szenario erleben und zwar intensiv und ausgiebig.

Ich wurde mit allem konfrontiert, wovor ich mein Leben lang Angst hatte und was sich bis dahin aufgestaut hatte:

  • Angst vor sozialer Ablehnung

  • Angst den Job zu verlieren

  • Angst arbeitslos und arm zu werden

  • Angst andere um Hilfe zu bitten

  • Angst was andere über mich denken

  • Angst meine “Erfüllung” nicht zu finden

  • Angst Fehler zu machen

  • Angst zu spät zu einem Termin zu kommen

uvm.

Erkennst du dich da irgendwo wieder?

Damit bist du nicht alleine.

Manchmal erkennen wir erst, dass wir auch “unperfekt” sind, wenn wir realisieren, dass andere auch ihre Macken und Fehler haben.

Und eben auch Ängste.

Die Krux ist nur: Fast niemand lässt sich diese Ängste anmerken.

Der Umgang mit Ängsten

Gehst du offen mit deinen Ängsten um und hast kein Problem damit, sie zu offenbaren?

Wenn ja, dann freut mich das natürlich sehr für dich.

Wenn nein, dann hast du höchstwahrscheinlich auch deinen eigenen Wert noch nicht erkannt, denn hinter Angst steckt häufig ein mangelndes Selbstwertgefühl.

Da wir dieses nicht preisgeben wollen, weil ansonsten die Gefahr bestehen könnte, dass es weiter geschwächt wird, halten wir uns damit zurück.

Wir tun so, als ob wir stark und angstfrei wären.

Sind wir natürlich nicht. Wir tun aber so.

Stimmst du mir da zu?

Beobachte doch einfach mal an einem öffentlichen Ort ein paar Menschen. Ich liebe es.

Entweder sind die Menschen glücklich (sie lachen), wütend (sie regen sich auf) oder verzweifelt (sie grübeln).

Freude, Wut und Verzweiflung sind die Gefühle, die wir in der Öffentlichkeit am häufigsten sehen.

Angst fehlt hier komplett.

Etwas “intimer” gedacht: Wie sieht es in deiner Familie aus?

Werden hier Ängste ohne Scheuklappen, ohne Mauern und ohne Schutz augelebt und gezeigt?

Halten wir fest:

Nur, weil du bei anderen keine Ängste erkennst heißt das nicht, dass sie keine Angst haben. Sie zeigen es nur nicht.

Du darfst diese Ängste also haben. Alle. Es gibt keine Ausnahme.

Rationale Ängste?

Allerdings sind Ängste nie rational, ansonsten wären es keine Ängste, sondern z.B. Gedanken.

Wenn ich z.B. Angst davor habe, dass die Welt untergehen könnte, dann habe ich mich vermutlich nicht konkret damit auseinander gesetzt.

Ich habe einen Artikel gelesen und hatte plötzlich Angst.

Die wenigsten brechen die Angst dann erst einmal auf eine rationale Ebene herunter und sagen sich:

“Okay. Die Welt wird untergehen. Was genau wird da passieren? Und wohin geht sie >unter<? Welche Quellen gibt es dafür? Wurden diese Theorien schon öfter aufgestellt…”

Ich könnte ewig damit weitermachen.

Am Ende verdrehe ich dann die Augen und denke mir:

“Joa. War jetzt irgendwie unnötig, dass ich Angst davor hatte.”

Ein Beispiel von einem meiner Klienten:

Jan hatte Angst davor, dass ihm seine Wohnung plötzlich gekündigt werden könnte.

Es ist irrelevant, ob wir selbst diese Angst auch haben oder nicht. Wenn du die Angst belächelst, dann ist es sogar sehr wahrscheinlich, dass du dich ungerne mit deinen Ängsten konfrontierst 😉

Zurück zu Jan’s Angst.

Ich fragte ihn, woher diese Angst kam.

Er sagte: “Die Preise hier in München sind immens, aber der Bedarf ist ebenfalls hoch. Wenn ich meine Wohnung verliere, dann bin ich aufgeschmissen.”

Ich fragte ihn, ob er wirklich aufgeschmissen sei.

Er sah mich verwirrt an und sagte nichts.

Er hatte seine Ängste vorher noch nie im Detail betrachtet.

Er hatte sie noch nie “auf den Tisch gelegt und in seine Einzelteile zersetzt”.

Ich half ihm auf die Sprünge: “Du könntest bestimmt kurzfristig bei Freunden unterkommen. Es gibt aber auch Housesitting, wo man kostenfrei wohnen kann, wenn man auf das Haus anderer aufpasst. Oder du könntest in ein kleines Nachbardorf ziehen, um Mietkosten zu sparen …”

Da ich diese Angst nicht hatte, konnte ich viel rationaler und distanzierter darüber reden.

Jan hatte sich darüber noch nie zuvor Gedanken gemacht.

Wir wollen uns mit unserer Angst konfrontieren, denn bei einer Konfrontation merken wir erst, dass es nicht so schlimm ist, wie wir es uns ausgemalt hatten.

Dazu wollen wir uns das absolute “Worst-Case Szenario” ansehen.

Ich mache mich hier mal nackt, damit du ungefährt weißt, was ich damit meine:

1. Angst: Die Angst vor dem Tod
Worst-Case Skala (1–10): 10
Ergebnis: über 50 Panikattacken
Erkenntnis: Der Tod gehört zum Leben dazu und heute genieße ich es jeden Tag und bin dankbar für jeden Moment.
2. Angst: Verlust (enge Freunde, die mich plötzlich verlassen könnten, weil ich nicht das tue, was sie wollen)
Worst-Case Skala: 8
Erkenntnis: Ich kann niemanden aufhalten zu gehen. Ich anzupassen ist allerdings anstrengender und ungesünder, als “Freunde” zu verlieren, die mich nicht so akzeptieren, wie ich wirklich bin.
Ergebnis: Wir stehen uns selbst am Nächsten; wenn wir uns selbst lieben, dann ist es nicht mehr schlimm verlassen zu werden; ich habe Menschen kennen gelernt, die mich auch ohne Maske akzeptieren

Der Dickens Prozess

Wie kannst du deine Ängste schwächen?

Indem du dir das Worst-Case Szenario ausmalst.

Und so funktioniert das im Detail:

Male dir aus, was im schlimmsten Falle passieren könnte, wenn du das tut, was du tun willst. Wie schlimm wäre es auf einer Skala von 1–10?
Was könntest du tun, um das wieder auf die Reihe zu bekommen?
Was würdest du dazulernen? Würdest du daran wachsen?
Wir würde sich diese Entscheidung positiv auf dein Leben auswirken? Wie positiv wäre dies auf einer Skala von 1–10?

Hinterfrage deine Ängste immer, denn erst so kannst du sie auflösen und erst wenn du sie auflöst, dann kommst du wirklich ins Handeln.