Das notwendige Übel: Wieso wir lernen müssen, Schmerzen auszuhalten und Belohnungen aufzuschieben

Von Freuds Lustprinzip bis zur Akzeptanz der Gegenwart

Wir befinden uns in einer Zeit, etwa 10.000 Jahre in der Vergangenheit. Zwei Männer kommen gerade aus dem Wald. Der eine trägt eine Rinderhaut um seinen Körper, der andere einen maßgeschneiderten Anzug und Lederschuhe. Der Mann mit der Rinderhaut trägt über seiner Schulter ein totes, kleines Reh. Der Mann im Anzug sucht vergeblich nach Empfang, um den nächsten Rewe Supermarkt zu finden.

Sie stehen an einem reißenden Fluß. An der Stelle, an der sich vor einigen Stunden noch eine Brücke befand, steht jetzt nichts mehr.

“Wir müssen warten, bis der Fluß sich beruhigt hat”, sagt der Mann mit dem Reh über der Schulter. Er zieht es mit Schwung über sich, wirft es auf den Boden, setzt sich daneben und starrt auf den Fluß. Der Mann im Anzug hebt sein Handy vergeblich in die Luft, in der Hoffnung, dass “E” würde endlich zu “LTE” wechseln.

“Ich habe aber Hunger!”, sagt er wütend.

“Wir müssen warten, bis der Fluß sich beruhigt hat. Auf der anderen Seite können wir dann ein Feuer machen und das Reh zerlegen. Setz dich!”

“NEIN!”, schreit der Mann im Anzug. Er steckt sein Handy in seine Westentasche, springt in den Fluß und stirbt.

Wieso wir unsere Wurzeln verloren haben

Wären wir die vielen tausend Jahre vor unserer Zeit nicht in der Lage gewesen, geduldig zu warten und unsere Bedürfnisse aufzuschieben, würde es uns heute nicht mehr geben. Wir sind genetisch dazu in der Lage, Schmerzen auszuhalten, um später unsere Belohnung zu bekommen.

Der Mann im Anzug war dazu nicht in der Lage, weshalb er starb. Heute sterben die wenigsten Menschen an Ungeduld, auch wenn es sich für sie so anfühlt, wenn an der Supermarktkasse zwei Personen vor ihnen stehen. Vielmehr werden sie allerdings psychisch krank, leiden erkranken an Burnout, Depressionen, Panik-/ und Angststörungen und werden chronisch unzufrieden.

Wir haben in einer Welt, in der wir alles sofort haben können, verlernt, psychische Schmerzen auszuhalten und es hat schon begonnen, dass uns diese neue, gefährliche Konditionierung um die Ohren fliegt.

Doch was können wir tun?

Sind wir verloren, wie der Mann im Anzug und neigen dazu, in den nächsten Fluß zu springen, um auf die andere Seite zu gelangen?

Nein. Es besteht noch Hoffnung.

Was sind psychische Schmerzen?

Für unseren Verstand kann ein Schmerz alles sein, besonders aber Dinge, die ihm das Gefühl geben, dass er gerade HIER ist, aber DORT sein will. Wir stehen z.B. an der Warteschlange (hier), wollen aber bei der Kassiererin (dort) sein. Sobald wir dann bei der Kassiererin stehen (hier), wollen wir endlich ins Auto (dort.). Sobald wir dann im Auto sind (hier), wollen wir nach Hause (dort) und vergessen dabei alle deutschen Verkehrsregeln, unsere Moral und erlernen einen ganz neuen Wortschatz.

Wir sind im Fluchtmodus. Wir rennen und wir wissen gar nicht, wo wir eigentlich hinrennen. Ein Marathonläufer weiß, wo er hinmöchte und sobald er dort angekommen ist, ist der Marathon zu Ende. Wir allerdings rennen von Situation zu Situation und sobald wir angekommen sind, sind wir irgendwie doch nicht angekommen. So entsteht ein Gefühl der Hilflosigkeit, des Verlorenseins, des Nie-Ankommens. Wir stehen unter Dauerstrom und die Kinder werden heute genau zu diesen laufenden Stromaggregaten erzogen.

Kinder sind heute im wahrsten Sinne des Wortes “bedient”. Das werden dann die Menschen, die keine vollständige Gefühlspalette kennen, da sie im All-Inklusive Hotel alles haben dürfen, aber nichts haben müssen.

Kann ich auch später meine Belohnung bekommen?

In der freudschen Psychoanalyse ist die Aufschiebung von Belohnung auch als Lustprinzip bekannt, also das “instinkte Streben nach Vergnügen und Vermeidung von Schmerz, um biologische und psychologische Bedürfnisse zu befriedigen.”

Laut Freud ist das Lustprinzip die treibende Kraft, die das Es, der grundlegendste Anteil in uns, leitet. Freud zog den Vergleich zwischen Lustprinzip und Realitätsprinzip, das die Fähigkeit beschreibt, die Befriedigung zu verzögern, wenn eine Situation keine sofortige Befriedigung erfordert. So können wir in unterschiedlichen Bereichen (Beispiele folgen) eine enorme, lebenswichtige Frustrationstoleranz entwickeln.

“Die Tendenz zum Ziele bedeutet noch nicht die Erreichung des Zieles.”

– Gustav Theodor Fechner, oft zitierter Psychologe Freuds

Die Toleranz, die wir zeigen und verspüren, wenn wir auf etwas warten, sagt also mehr über uns aus, als wir im ersten Moment glauben. Wollen wir jetztetwas mit Bargeld bezahlen, um die Sache jetzt zu haben oder wollen wir die Sache jetzt haben und zahlen später mit Kreditkarte? Wir betreiben jetzt ein Geschäft, gehen in die Schule oder in die Uni und sehen monate-/ bzw. jahrelang keine Belohnung. Machen wir trotzdem weiter oder geben wir auf?

Dinge, die uns im Leben sofortige Befriedigung bringen, wie Essen, Drogen, Sex, Glücksspiel, ein Wutanfall oder die Verwendung der Kreditkarte, bringen uns keine Freude, sondern erleichtern nur das Unbehagen für den Moment. Man nennt die Funktionsweise dahinter auch “aufgeschobene Belohnung”.

Beispiele für aufgeschobene Belohnung

Hier ein paar Beispiele zur aufgeschobenen Belohnung und damit dem Kern und allem, was du über diese ganze „Motivationsschmiede“ wissen musst:

1. Beruf

Ich muss erst die Akten sortieren, den Boden kehren und den Kaffee kochen (Schmerz), bevor ich irgendwann einmal die Position bekommen kann, die ich mir wünsche (Belohnung).

2. Diät

Ich muss einem strikten Ernährungsplan folgen, Fressattacken aushalten, die Forderungen der anderen ignorieren, essen was mir nicht schmeckt und mich bewegen (Schmerz), bevor ich das Gewicht erreiche, das ich mir wünsche (Belohnung).

3. Training

Ich muss meine Muskeln, mein Herz-/ Kreislaufsystem und meine Schweißdrüßen ständig fordern, weitermachen wenn ich glaube, dass ich absolut nicht mehr kann, Sofa gegen Fitnessstudio tauschen, mich auf den Weg machen, egal bei welchem Wetter (Schmerz), um endlich den Körper/Fitnesslevel zu erreichen, die ich mir wünsche (Belohnung).

4. Finanzen

Ich muss auf Konsum verzichten, Materielles verkaufen, weniger/kein Auto fahren, günstige Lebensmittel einkaufen, mit dem Fahrrad fahren, mein Geld nicht für Drogen, Alkohol und Party ausgeben oder ständig in Urlaub fahren (Schmerz), um endlich das zu erreichen, was ich mir wünsche, wie z.B. finanzielle Erleichterungen (Belohnung).

5. Schule/Studium

Ich muss Dinge lernen, die ich für unnötig halte, mich Autoritätspersonen unterordnen, mehr tun als andere, jahrelang auf Schul-/ Unibanken sitzen, früh aufstehen und lange aufbleiben (Schmerz), um den Abschluss zu bekommen, den ich mir wünsche (Belohnung).

6. Beziehung

Ich muss mit meinem Partner Kompromisse eingehen, seine Gefühle und Bedürfnisse wahrnehmen und akzeptieren, psychische Gewalt reduzieren und körperliche Gewalt vermeiden und notfalls eine Paartherapie besuchen, anstatt alle paar Monate den Partner zu wechseln (Schmerz), um eine glückliche und liebevolle Beziehung führen zu können

(Belohnung).

Es mag sein, dass ich hier wie der Spaßverderber rüberkomme. Allerdings ist es ja nicht so, dass wir die Freude am Leben aufgeben müssen. Ich kann trotzdem einen wundervollen Abend mit Freunden zuhause verbringen, ohne für 30€ ins Kino zu gehen, wo wir mit unserem 40.000€ Mercedes hinfahren.

Ich sage nur, dass wir bereit sein müssen zu verzichten und auszuhalten und dass sich dieser Verzicht auch einmal nicht angenehm fühlt, wenn wir etwas erreichen möchten. Ich bin kein Oberlehrer und ich wiederhole auch nur, was schon oft gesagt wurde, in einer Konsumgesellschaft allerdings nicht gerne gehört wird.

Den Moment aushalten

Was, wenn ich dir sage, dass du schon angekommen bist?

Was, wenn ich dir sage, dass du niemals einen anderen Moment wie diesen erlebt hast und auch niemals einen anderen erleben wirst?

Du hast vielleicht das Gefühl, dass du woanders sein müsstest, doch das ist nicht die Realität. Du bist jetzt hier, dann Verstand will aber woanders sein, weil er endlich die Erfüllung haben möchte, nach der er sich sehnt.

Das ist natürlich Quatsch. Die Ziele, die sich dein Verstand steckt sind nur provisorisch, egal ob es das Ende der Warteschlange, der Sex mit dem Partner oder noch ferner, das langersehnte Haus ist.

Du wirst niemals glücklich werden, wenn du der Erfüllung in der Zukunft hinterherrennst und wenn du in deine Vergangenheit schaust, wirst du dir das auch eingestehen. Du kannst auch gar nicht glücklich werden, sonder nur glücklich sein. Erfüllung liegt nicht in der Zukunft.

“Wenn du dein Hier und Jetzt unerträglich findest und es dich unglücklich macht, dann gibt es drei Möglichkeiten: Verlasse die Situation, verändere sie oder akzeptiere sie ganz. Wenn du Verantwortung für dein Leben übernehmen willst, dann musst du eine dieser drei Möglichkeiten wählen, und du musst die Wahl jetzt treffen.”

– Eckhart Tolle

Suche dir doch einen Lebensabschnitt heraus und schaue dir an, wie du dich in diesem Abschnitt gefühlt hast. Du warst an einem Punkt und hast dir einen anderen Punkt in der Zukunft vorgestellt, an den du wolltest. Warst du glücklich, als du diesen Punkt erreicht hast oder hast du dir sofort einen anderen Punkt in der Zukunft ausgemal

Der Verstand lehnt den Moment ab. Mit aller Gewalt. Eigentlich ist es nicht der Verstand, sondern die konditionierte Verstandesaktivität, auch Ego genannt. Das Ego braucht Vergangenheit und Zukunft. In der Vergangenheit findet es eine Identität (“Ich wurde in der Schule viel gemobbt. Darunter leide ich heute noch”) und in der Zukunft sucht es, wie bereits erwähnt, Erfüllung(“Sobald ich ein Haus habe, bin ich endlich glücklich”). Der Feind des Egos ist also der Moment, denn im Moment stirbt es. Nicht du stirbst, sondern dein Ego, das sind zwei unterschiedliche Zustände.

Wenn du dich z.B. fragst: “Welches Problem habe ich jetzt in diesem Moment?” wird dein Ego weggeschoben. Du spürst, dass du gar kein Problem hast und auch nichts brauchst, um glücklich zu sein, da du bereits glücklich bist. In diesem Moment gibt es keine Probleme, doch das Ego macht ein Problem daraus. Das Ego ist das Problem.

Zusammenfassung

Halte kleine, unangenehme Dinge aus und steigere dich in dem Schmerzlevel, das du spürst. Das Level ist bei jedem anders, du kannst dein eigenes finden. Du kannst dir vorerst sagen, dass es notwendig ist, den Moment auszuhalten. So lernst du erst einmal, psychologische Schmerzen auszuhalten. Danach kannst du üben, den Moment so zu akzeptieren, wie er ist. Dadurch wird es nicht einmal mehr notwendig sein, eine Erfüllung in der Zukunft zu erwarten, da du bereits alles an Erfüllung und Frieden in dir trägst.

Sehe den Moment als Geschenk und erfahre ihn immer und immer wieder. Er ist alles, was du hast und alles, was du jemals haben wirst.

Niemals wird je etwas anderes sein, auch wenn dein Kopf dir etwas anderes sagt. Niemals wirst du an einer anderen Stelle glücklich sein. Wenn dein Kopf jetzt sagt: “Das ist Bullshit. Sobald ich endlich einen neuen Job habe, geht es mir endlich besser” weißt du, dass es eine Lüge ist.

Das bist nicht du, der das glaubt.

Coverbild: Banitsa: Frederic P., herausgegeben von Miller, Agnes F., Vandome, John McBrewste