Das Leben überwinden

Nach dem Prinzip der Neuroplastizität, passt sich unser Gehirn an Einflüsse an. Während den letzten Jahren in der Arbeit mit anderen Menschen und mit mir selbst, ist mir stärker aufgefallen, wie viele Faktoren einfließen, die die Effektivität und Schnelligkeit der Veränderung neuronaler Strukturen beeinflusst.

Nehmen wir als Beispiel einen Versuch, der mir gerade besonders wichtig ist, wofür ich nur kurz aushole:

Es gibt etwas, das nennt sich Realität. Sie IST einfach nur, sie lässt sich nicht durch Gedanken beeinflussen und interessiert sich auch nicht für unser Leben. Realität ist die Mutter, die mit ihrem Kind von einem Bus überfahren wird, obwohl sie doch “so eine gute Mutter” war.

“Womit hat ausgerechnet sie das verdient?!”, fragt sich die Familie.

Niemand von uns hat etwas “verdient”.

Die Realität ist keine höhere Macht, die danach handelt, wie wir uns verhalten. Sagen wir uns von allem ab, was Realitäten unserer Meinung nach beeinflusst, wie z.B. Gott, Engel, Schicksal, einen Sinn usw. bleibt die blanke Realität.

Die Dinge geschehen dann einfach.

Die Mutter wurde nicht überfahren, weil ihren Sohn einmal geschlagen hat, oder weil Gott glaubte, es wäre besser, die beiden vor dem gewalttätigen Mann zu beschützen.

Nehmen wir diese gedanklichen Erfindungen (die erfunden wurden, um die Realität erträglicher zu machen), heraus, stehen wir nackt vor einem Berg, der uns alles anbietet. Nichts von dem, was wir tun, wird von diesem Berg gespiegelt. Er verteidigt sich nicht. Der Berg steht hier einfach. WIr starren ihn an. Er ist das Leben und wir leben ihn. Wir wissen nicht, was er uns bietet. Wir, als menschliches Wesen, sind die einzige Spezies, die sich ihrer Sterblichkeit bewusst ist. Hier, vor diesem Berg stehend, wissen wir, dass jeden Moment eine Lawine herabstürzen und uns umbringen könnte. Im tiefsten Kern unserer Existenz ist es das, was uns zu destruktivem Verhalten führt, zu Drogen, zu Alkohol, zu Süchten, zu Ablenkungen, in den Suizid.

Wir handeln nicht ohne Grund destruktiv. Sondern, weil wir die Realität nicht ertragen. Da hilft nur noch folgendes, und mir ist bisher nichts vorgekommen, was mich aus diesem Dilemma befreien könnte, wenn ich mich allen gedanklichen Vorstellungen befreit habe, die die Realität erträglicher machen:

1. Nihilismus: Die “Egalheit” allem Existenten gegenüber, selbst der eigenen Existenz. Das Schulterzucken, das Gegenteil von “daraus mache ich jetzt ein gewaltiges Problem”, das depressiv-wirkende Stehen vor dem Berg, nicht in Erwartung, das gleich etwas passieren könnte, aber mit einer trüben, passiven “Scheiß-Egal-Haltung”.

2. Amor fati: Die Liebe gegenüber dessen, was wir Schicksal nennen, wenn wir uns von gedanklichen Erfindungen befreien, wobei das Schicksal hier einfach nur für das Leben steht. Das “Notwendige nicht bloss ertragen, noch weniger verhehlen – aller Idealismus ist Verlogenheit vor dem Nothwendigen – sondern es lieben”, wie Nietzsche schrieb. Das Lieben des eigenen Schmerzes, des Leides, der Liebe, der Hölle auf Erden.

In Nihilismus rutschen wir, wenn wir Illusionen aufgeben, die unsere Realität überlagert haben. Unser Leben mit allem zu lieben schaffen wir, wenn wir uns konditionieren. Ich weiß noch nicht, ob sich diese Konditionierung unbewusst einsetzt. Über die Jahre hat sich bei mir z.B. die Konditionierung des Mitgefühls Menschen gegenüber entwickelt, da ich lernte, dass allen destruktiven Verhaltens Leid vorausging. Ob sich die Konditionierung, alles in meinem Leben einfach anzunehmen einstellt, weiß ich vermutlich nach ein paar Monaten Arbeit.

Einfach wird es nicht.

Ein Versuch ist es Wert und anscheinend bleibt kein anderer Ausweg.

Ab sofort gilt also in jeder Situation den Gedanken hochzuholen und ihn in der Situation, die ich gerade für unerträglich halte, wie einen Samen, allumfassend, alles umarmen zu lassen, was ist:

“Ich liebe, was ist. Alles darf sein.”

Meine Panikattacken und Depression habe ich so überwunden.

Vielleicht schaffe ich es ja auch, mein Leben zu überwinden.