Das Leben ist scheiße anstrengend

„Das Leben ist scheiße anstrengend,“ dachte ich mir und kam damit anscheinend zu einer der wichtigsten Entschlüsse meines Lebens. Ich war schon fast erleichtert nach dieser Eingebung, nicht suizidgefährdet oder bedrückt. Nur erleichtert. Ich hatte vor Jahren nicht deshalb Psychologie und den Buddhismus studiert, weil ich nicht wusste, was ich in meinem Leben eigentlich wollte. Ich war ein egoistisches Wrack, das nur noch funktionierte. Ich musste mehrere Tage gefüttert werden, weil ich nicht in der Lage war, meine Gabel zu geben. Diese Art von Wrack. Da war eine schöne Sichtweise im Buddhismus, die mir half, meine Scheiße mit einem anderen Blickwinkel zu betrachten und gleichzeitig besser mit der Scheiße umzugehen, mit der wir uns alle rumschlagen müssen.

Die veränderte Sichtweise war notwendig, da mein Gehirn und Organismus auf Schmerz und Leid konditioniert waren. Was würde da wohl besser helfen als eine 2000 Jahre alte Lehre, die auf einem jungen Prinzen beruhte, der ein paar Wochen unter einem Baum saß und mir die Arbeit abnahm. Danke Buddha.

Wer würde also meine Erkenntnis „das Leben ist scheiße anstrengend“ und Buddhas Erkenntnis „es gibt einen Weg aus der Scheiße“ (abgewandelete Version) bestreiten?

Nun, nicht unbedingt jeder in der absoluten Überzeugung, wie ich es tat und immer noch tue, aber das liegt schlichtweg an der unterschiedlichen Masse an Schmerz und Leid, mit der wir konfrontiert werden.

Eine schwarze Frau in Uganda, die von Männern solange vergewaltigt wird, bis sie keine Kinder mehr bekommen kann und dann irgendwann von weißen Männern totgeprügelt wird, hat ein anderes Maß an Leid, als ein adeliger Millionär aus New York City, der sein Vermögen von seinen Immobilienelterb geerbt hat. Doch auch er leidet. Er muss seine Existenz beschützen, seine Familie, seinen Beruf und manchmal aber nicht selten auch sein eigenes Leben.

Beide Personen leiden. Das bedeutet nicht, dass das Leid des Millionärs keine Beachtung verdient hat, aber auch nicht, dass das Leid der Frau abgewunken werden sollte. Es ist schlichtweg individuell und verdient dadurch indivuelle Betrachtung. Wir müssen, wir dürfen es nicht miteinander nicht vergleichen.

Meine Leidensgeschichte ist ebenfalls individuell und ich erzähle sie hier das erste Mal, seitdem ich sie meinen Psychologen zur Einführung der Therapie erzählt habe. Es besteht sonst keine Notwendigkeit unsere Geschichte anderen und uns selbst immer wieder zu erzählen, ansonsten machen wir eine Identität daraus und halten unnötig an vergangenem Leid fest.

Mein individuelles Leid bestand aus meiner Stiefmutter, die mich als Projektionsfläche für ihren Selbsthass benutzte und mir dadurch mehrere, lebenslange Traumata bescherte. Die meisten von uns sind von Traumatas vorbelastet und dürfen diese dann, ganz menschlich, weil unser Gehirn eben so funktioniert, in ihr Repertoire des Leides aufnehmen. In der Schule benutzten meine Mitschüler mich als Unterbau ihrer hirarchischen Ordnungsebene, um ihre übergeordnete Haltung bestätigen und durch meine Unterdrückung verfestigen zu können. Das ist ebenfalls menschliches Verhalten, genauso wie die Projektion des Selbsthasses meiner Stiefmutter, der durch die Abwertung ihrer Eltern entstand. Um mit ihrer Hölle umgehen zu können, musste sie mir auch eine Hölle erschaffen. Da sie wusste, wie ihr Schmerz zugefügt wurde, wusste sie auch, wie sie mir Schmerz zufügen konnte. In der Psychologie nennen wir das „Ich-Bewusstsein“.

Meine Position zuhause und in der Schule akzeptierend, um mein inneres Kind zu beschützen, ging ich von Schmerz zu Schmerz durch mein Leben. Um nicht noch weiterem Schmerz ausgesetzt zu werden, entschied mein Organismus, sich nicht gegen die Person zuhause und die Personen in der Schule aufzulehnen. Daraus entstand Selbsthass und Lebenshass, der schieren Unmöglichkeit, etwas gegen meine Umstände zu tun, ausgeliefert.

Meine schulischen Leistungen sackten in den Kellern, obwohl mir Jahre später ein IQ von 132 und eine Vielbegabung zugesichert werde. Meine Schmerzen, mein Überlebenssystem (Reptiliengehirn), war stärker als mein Wissenssystem (präfrontaler Kortex).

Mein Körper rebellierte und brachte meinen physischen Organismus in eine Ausnahmesituation. Zuerst platzte mein Blinddarm, daraufhin folgten als Konsequenz zwei Not-Operationen durch Darmverschlüsse.

Ich musste mit 16 Jahren vor Gericht dafür sorgen, das mein Vater und meine Mutter ihr Sorgerecht teilen. Ich zog zu meiner Mutter und wurde kurz darauf aus ihrer Wohnung geworfen, da sie der Alkohol ihren Schmerz besänfigte und sie ihre Liebe mir gegenüber vergaß.

Ich brach mein Abitur ab, da ich nebenbei Geld für mein Leben verdienen musste. Jahrelang ging ich Jobs in Discountern und Restaurants nach, die ich hasste, und wohnte bei Freunden und Familien, während ich gleichzeitig versuchte, meine Eltern auf mehr als 30.000€ ausstehenden Unterhalt zu verklagen.

Zerfressen von Selbsthass, fehlendem Sinn dem Leben gegenüber, keiner Hoffnung auf Besserung, konfrontiert mit dem Leid meiner Vergangenheit und meinem, oh Wunder, zerschossenen Selbstwert, entschied mein Körper sich dafür, zuerst Symptome zu erzeugen (somatoforme Störung). Das Ungleichgewicht meiner Psyche konnte einfach nicht mehr verarbeitet werden, deshalb übertrug es sich auf meinen Körper. Dann folgten Panikattacken, da das Angstzentrum meines Gehirns mit der Energie meiner Emotionen befeuert wurde und eine Angststörung (Agoraphobie) in der Öffentlichkeit.

Nicht mehr in Lage, die durch Stress-/ und Kampfhormone aufgefutterten Glückshormone zu kompensieren, stellte mein Gehirn dessen Produktion fast vollständig ein. Wie nackt stand ich nun vor dem blanken Leben und dem Leid in mir und hielt den Selbstmord für die einzige Befreiung.

Wir sind alle dazu verdammt zu leiden. Selbst mit einer Kindheit voller Liebe. Wir müssen uns alle existenzielle Fragen stellen und sind uns gleichzeitig unserer Sterblichkeit bewusst, was alleine schon scheiße deprimierend ist. Tiere halten sich durch Instinkte am Leben, wenn sie sterben, kommt der Tod überraschend. Wir Menschen sind mit einem Verstand gesegnet, der zu unglaublichem in der Lage ist, und dieses Unglaubliche schafft in gleichem Maße, wie es Wundervolles erschaffen kann, eine ganze Reihe an Leid.