Amor Fati: Wie du in einem sinnlosen Leben einen Sinn findest

 

Ich sitze gerade am Rhein, mein Handy in der Hand, die Sonne im Gesicht. Und habe eine existenzielle Krise.

Okay, keine Sorge. Das ist bei mir keine Seltenheit. Wer sich mit den tiefen, ekelhaften Fragen des Lebens beschäftigt, wer seinen inneren Schweinekramm akzeptiert, die Beziehung zu seinen Eltern geklärt, die Angst vor dem Tod überwunden, seine eigene Unwichtigkeit akzeptiert hat, muss damit Leben, zwischendurch mal ein wenig Verzweiflung zu trinken.

Das ist fern von Depressionen mit Suizidgedanken. Es ist anstrengend. Anders anstrengend. Es gibt keine Medikamente dagegen und irgendwann erreicht man einen Punkt, an dem es auch keine Antworten mehr gibt. Da du bereits alle Fragen beantwortet hast.

Wer sich mit Spiritualität, Buddhismus und den modernen Methoden der Psychologie und Philosophoe beschäftigt, findet einen Konsens:

Die Unwissenschaft, die Buddha als die Wurzel allen Leidens beschreibt, ist nicht das Wissen von neuem, sondern das verlernen von allem.

Negative Gedanken, positive Gedanken. Gefühle, grundsätzlich alle, Sorgen, alle möglichen Ängste, die Frage, was andere von dir halten, die Frage, welcher Job, Partner, Wohnort, Auto, Tattoo oder Intimpiercing zu dir passt.

Alles durchwaschen mit einer so massiven Gleichgültigkeit, dass dein Verstand verzweifelt nach einem Sinn sucht.

„Da muss doch etwas sein, wofür es sich lohnt, morgens aufzustehen?!“

Du suchst weiter.

Dazwischen drängt sich die Erkenntnis, dass es 100 Milliarden Lichtjahre dauern würde, das komplette Universum zu durchqueren.

Wow, wie unwichtig wir nur sind.

Da regen wir uns dann tatsächlich noch auf, wenn uns die Vorfahrt genommen wird, wenn wir beim Sex zu früh kommen, wenn ein Politiker zurücktritt, wenn wir ein Familienmitglied verlieren, wenn wir Krebs haben.

In einer Klaviatur der Irrelevanz, in einem Leben, das uns von einem Sperma, einer Flüssigkeit, und einer Eizelle, einer anderen Flüssigkeit, geschenkt wurde, das jeden Moment, jeden Moment, vorbei sein könnte. In einer Zusammenführung von Schmerzvermeidung, Effekthascherei, Fortpflanzungstrieb und Instinkten. In einem stetigen Wandel und der Eigenart unseres Gehirns, überall Probleme zu finden, selbst wenn wir an dem Punkt angelangt sind, den wir uns jahrelang herbeigesehnt haben.

Wenn nichts mehr relevant erscheint, wenn alles, vom Sonnenbrand mit zum tödlichen Hautkrebs, keine weitere Bedeutung hat, da die Bedeutung nur von unserem Verstand, einer Ansammlung von Neuronen, erschaffen wird, was ist dann überhaupt noch relevant?

Wenn dieses „Glück“ in Wahrheit nicht das ausleben unseres Potenziales, sozialen Beziehungen, Geld, Haus, Beziehung, Kind, Hund, Meer und das geile Shirt von Gucci ist.

Wenn es kein Leid mehr gibt, das uns zum Psychologen oder in den Puff treibt.

Wenn alles einfach nur ist, wie es ist.

Wenn wir es gerne mit unserem Verstand bewerten, verurteilen würden, sich durch die Hintertür dann aber eine Stimme einschleicht, die uns sagt, dass es sowieso scheißegal ist.

Dieser blaue Ball, auf dem wir leben, fressen, Sex haben und schlafen wie ein Tier, auf dem wir aber auch einen Soziopathen als Chef haben, aggressives Unkraut im Garten, Fußpilz und diese verdammt guten Angebote von Aldi am Montag, wo wir unbedingt schon 5 Minuten vor dem Eingang stehen müssen, um uns dann eine von diesen scheiß Thermomix-Kopien abzugreifen, mit denen wir dann diesen geilen, neuen Smoothie zubereiten, während der Mann die Tagesschau glotzt, die Kinder im Bett sind, und der Nachbar, dieser scheiß Nachbar, schon wieder auf seinem verfickten Klavier versucht, „Ave Maria“ zu spielen.

Ja, ich habe gerade „verfickt“ geschrieben und es ist scheißegal. Ist es wirklich. Ersthaft, es ist völlig unwichtig, und du hast keine Ahnung, warum du jetzt entweder lachst, dich beschämt fühlst oder aufregst.

Und selbst wenn du es wüsstest, es gibt einen neuronalen, hochgradig unwichtigen Grund, wäre es immer noch egal.

Denn am Ende wirst du angefeuert von deinen tierischen Trieben und hast trotzdem diesen verfluchten, menschlichen Verstand, der aus eine Mücke einen Elefanten macht und aus dir den Mittelpunkt des Universums.

Du willst, du musst, dich irgendwie fortpflanzen, doch gleichzeitig auch deinen scheiß Müll runterbringen, weil morgen die Müllabfuhr kommt und du weißt, dass der Müll in der Sonne anfängt zu stinken, und die Nachbarn dann wieder über dich lästern, und du dann wieder wie ein verrückter Massenmörder auf dem nächsten Straßenfest behandelt wirst, auf dass du eigentlich nur gehst, weil es Alkohol gibt und du das Dressing so geil findest.

Da verhältst du dich auf der einen Seite wie ein notgeiler Löwe, der völlig planlos den nächsten Löwen besteigt, und auf der anderen Seite mit Bedacht, mit Vorausschau, mit sozialen Gedanken um deine soziale Interaktion nicht zu gefährden. Und natürlich für das scheiß Dressing und die Mojitos. Wie irrelevant.

Nietzsche sagte, wie stehen auf einem Seil zwischen Tier und Übermensch. Als im der Darm mit Säure durchgespült wurde, weil er eine Darmkrankheit hatte, was ihn inkontinent machte, sah er bildlich dieses Seil über einem Abgrund.

Ein Schaudern auf dem Seil, ein Zurückblicken, ein Stehenbleiben, ein Stehen.

Er sah die wahre Größe eiines Menschen, in diesem Moment sich selbst, als eine Brücke, nicht als einen Zweck.

„Was geliebt werden kann am Menschen“, sagte er, „ist dass er ein Übergang und ein Untergang ist.“

Und er führte fort, dass es die Untergehenden sind, die er liebt, diejenigen, die nicht mehr zu leben wissen. Denn sie sind die Hinübergehenden.

Sie sind diejenigen, die auf dem Seil stehen, den Untergang fürchtend, und das erfolgreiche Stehenbleiben akzeptierend, das Leben einfach so hinnehmen, wie es kommt.

Amor fati.

Liebe dein Schicksal.

(während ich diesen Text voller Rechtschreibfehler schrieb, wurde ich von zwei Mücken gestochen…beides scheißegal…ich sitze hier und liebe das, was ist, weil es sonst nichts anderes gibt, was relevant wäre).