Buddha war ein Lügner

Da bin ich nun.

Ziemlich genau 2 Jahre, nachdem ich angefangen habe, Buddhismus und verwandte Lehren zu leben.

Täglich habe ich mein Leben und meinen Verstand beobachtet.

Ich habe Störgefühle aufgelöst, nicht alle 84.000, aber einige.

Ich habe verziehen.

Ich habe ewigen Kontakt mit meinem inneren Kind aufgebaut.

Ich habe durch tausende Stunden Meditation gelernt meine Gedanken einfach wahrzunehmen, mein ganzes Selbst einfach wahrzunehmen.

Ich habe meine Vergangenheit als niemals wiederkehrendes Konstrukt von Zufällen und Schutzstrategien, meine und die der anderen, hinter mir gelassen.

Die Zukunft ist für mich genauso irrelevant, ich erschaffe meine Gegenwart, indem ich IMMER zuerst an mich denke und dann mit den restlichen Energien an diejenigen, die mir wichtig sind.

Ich habe akzeptiert, dass Worte, Verhalten und sogar interpretierte Gedanken anderer mich verletzen können, das wird mir niemals egal sein, wir sind soziale Wesen, doch ich muss sie nicht mein Leben lenken lassen, niemand verlangt das.

Ich habe meine Opferrolle aufgegeben. Nichts Schlechtes ist mir geschehen. Alles geschieht einfach, ich habe darauf reagiert und habe die Möglichkeit, in Zukunft bewusst darauf zu reagieren.

Ich hatte sowohl mehr als genug Geld, als auch viel zu wenig Geld. Ich habe wundervolle Orte der Welt gesehen. Nichts davon hat mir nachhaltig Glück gebracht oder mich verändert.

Ich habe radikale Akzeptanz, Hingabe und Verantwortung gegenüber meinen Emotionen gelernt, nichts schockt mich mehr, nichts lenkt mich mehr, doch ich höre hin und FÜHLE, was gefühlt werden will.

Ich suche keine falsche Anerkennung mehr bei anderen, und ich bin so glücklich darüber.

Ich habe die Angst vor dem Tod nicht überwunden, es bleibt ein ewiges Problem, doch ich bin bereit zu sterben, weil ich so viele Momente wie möglich in meiner Kontrolle belasse und wenn ich mich entscheiden darf, entscheide ich mich zumeist für das, was ich gerade für „richtig“ halte, womit „richtig“ Auslegungssache ist, es muss nicht unbedingt „glücklich“ machen, es fühlt sich einfach richtig an, was auch immer das ist.

Ich darf Menschen verlassen, die mich nur zu deren Zwecke ausnutzen wollen, doch ich verurteile sie nicht, denn auch ich handle, je nach Gefahrenlage meines Lebens, mehr oder weniger egoistisch.

Und da sitze ich nun, auf einer Parkbank, und rätsle seit Wochen, was, trotz meiner aufgelösten Illusionen noch „fehlt“.

Irgendwie fühle ich mich wie der „Hinübergehende“, wie Nietzsche diejenigen beschrieb, die „nicht zu leben wissen“. Zwischenzeitig habe ich, zumindest scheinbar, vergessen, wie man sich eigentlich als Mensch verhält.

Auf einem Geburtstag begrüßt mich jemand und ich schaue ihn mit gerunzelter Stirn an, völlig inkompatibel für soziale Interaktion, wie ausgehöhlt, wie ein sozialer Dementer.

Buddha schrieb seine Lehren in einer Zeit, die anders war. Regeln passen in das Umfeld, in dem sie angewandt werden, sie sind nicht allgemeingültig. Handballregeln gelten nicht für Fußball und umgekehrt.

Nichts mehr begehrend, nichts befürchtend. Dinge, die mich früher begeistert hätten, erhalten von mir nicht einmal mehr ein Achselzucken. Das gleiche gilt für Dinge, die mir Angst, Sorge und Schrecken bereiteten.

Und jetzt? Was fangen wir mit diesem Menschen an, an einem Punkt angekommen, den er früher für erstrebenswert hielt?

Hier liegt die Erfahrung:

Es ist nicht der zu erreichende Punkt, der alles „klärt“. Es ist der stetige Fluß von Bedürfnisbefriedigung, was auch immer es Kosten mag.

Es ist mehr als nur Befreiung von Illusionen.

Es ist der Sport, der einen alles vergessen lässt.

Es sind die Fernsehabende, wie banal und unnötig sie auch erscheinen mögen.

Es ist ein feucht-fröhlicher Abend mit den Freunden.

Es ist die Vorfreude auf das geheime Treffen mit dem Tinder-Date im Hotel.

Es sind die neuen Erfahrungen, Begegnungen und Erkenntnisse.

Es ist die tägliche Arbeit an etwas, das die Leidenschaft in einem aufblühen lässt. 

Es ist das erfreuende, nicht gierige, streben nach einem größeren, besseren Ich. 

Wenn alles verschwindet, was früher Leid erschuf, wartet nun diese Lücke darauf, mit allem gefüllt zu werden, was dich befriedigt.

Das hat Buddha vergessen.

Das primäre Ziel ist immer die Erfahrung an sich, doch da wir Menschen sind, brauchen wir etwas, auf das wir uns zubewegen, so funktioniert schlichtweg unser Gehirn. Das ist das sekundäre Ziel.

Das sekundäre Ziel beim Sport ist ein geiler Körper, logisch, wollen wir alle, darum gehts beim Sport.

Das primäre Ziel ist es, die Erfahrungen dorthin zu leben.

Was wir suchen ist nicht Glück, sondern die Erfahrung, am Leben zu sein.

Die Entscheidung, etwas Gesundes selbst zu kochen oder Chips und Schokolade zu essen.

Den Muskelkater auszukurieren.

Die eigenen Grenzen von Kondition und Kognition zu sprengen, jeden Tag ein bisschen.

Den Tag danach auszurichten, welcher Zeitpunkt gerade der Beste ist.

Die Fahrt ins Fitnessstudio oder wo auch immer, den Podcast oder Musik auf den Ohren.

Der Abstecher bei Freunden danach, um die neue Serie auf Netflix zu schauen….alle 24 Folgen nacheinander.

All diese Erfahrungen, die uns das Gefühl von Lebendigkeit geben, würden ohne das sekundäre Ziel nicht entstehen.

Doch beide sind notwendig.

Denn beide sind Leben.