90% weniger Leid: Wieso du dich mit dir selbst vergleichen solltest

In meinem 14. Lebensjahr verändert sich mein Leben so sehr, dass es mich noch über 10 Jahre beeinflussen wird. Wie es mich beeinflusst, das wird mir erst 14 Jahren später deutlich. Ich leide an ungewöhnlichen Bauchschmerzen und fahre abends mit meiner Oma in die Notfallzentrale. Ich werde kurz untersucht, mein rechtes Bein die ganze Zeit angewinkelt. Mediziner kennen schon jetzt die Diagnose. Ich werde mit einer Magen-Darm-Entzündung nach Hause geschickt. Am nächsten Tag liege ich im Badezimmer meiner Oma auf dem Boden, drücke mir mit der einen Hand so stark gegen meinen Unterbauch, dass ich fast meine Eingeweide spüren kann, die sich anscheinend in meinem Körper gerade aufzulösen scheinen. Nun, sie sind tatsächlich gerade dabei genau das zutun. Mein Blinddarm war geplatzt. Ich werde not-operiert und mehr als 7 Tage nur über eine Infusion mit Wasser versorgt. Ich nehme über 15kg ab. Mehr als 14 Tage kann ich aufgrund der Schmerzen nicht laufen. Ich habe Komplikationen von der Vollnarkose. Meine Muskeln und Sehnen bauen sich ab und verkürzen sich. Mein Herz-Kreislaufsystem fällt in die unterste Ecke meines Kellers. Der Gang zur Toilette, wenn ich überhaupt mal gehen kann, zerrt nicht nur an meinen Nerven. Ich brauche mehrere Stunden, um mich davon zu erholen.

Es war eine Zeit in meiner Schule, in der ich gerade rebellierte. Meine Noten sackten sowieso schon ab, da meine Wut und mein Hass, die sich durch die ständige Anspannung zuhause aufbauten, sich irgendwo entladen musste. Gleichzeitig wurde ich allerdings verdrängend erzogen. Das verbesserte die Situation nicht.

Ich verpasste in der Schule etwa 8 Wochen. Ziemlich genau 10 Wochen später, ich war bereits ein abgemagerter, unsportlicher, passiv-aggressiver, chronisch unglücklicher und sexuell inkompatibler junger Mann in seiner Pubertät, verschloss sich in Folge des geplatztes Blinddarms mein Darm. Ich werde not-operiert. Schon wieder aus dem Leben gerissen.

Ein Jahr später, an meiner Lebenssituation hatte sich nicht viel verbessert, wurde mir wieder die Narkosemaske auf Mund und Nase gedrückt, der Bauch aufgeschnitten, ein neues Stück Darm entfernt.

Ich war ein körperliches und psychisches Wrack. völlig inkompatibel, mit der Welt und sich selbst umzugehen. Hätte ich vor 100 Jahren gelebt, wäre ich tot. Hätte ich die 500.000 Jahre davor gelebt, ebenfalls. Und so fühlte ich mich auch: Wie jemand, der zwar überlebt hatte, aber nicht mehr wirklich leben sollte. Zumindest nicht, wenn es nach der Natur des menschlichen Geistes ging, der sich an solche Situationen einfach noch nicht angepasst hatte.

Ich fühlte mich wie ein Opfer der Welt und der Umstände und so wurde ich sowohl in der Schule, als auch zuhause behandelt. Ich war ein wandelndes Stück Elend, das es die nächsten Jahre über Umwege schaffte, zu studieren. Mir ist bis heute unklar, wie ich das geschafft habe, aber es war tatsächlich ganz großer Scheiß und ich bin vielen Menschen zum Dank verpflichtet, ohne die ich das alles nicht überstanden hätte. Die Operationen, die Lebenszustände zuhause, die fehlende Perspektive, die spätere Depression, den Suizid als einzigen, ersichtlichen Ausweg, den die Natur vermütlich als “Endlösung für schwere Fälle” vorgesehen hat.

Warum erzähle ich das alles?

Ich möchte mich nicht darüber beklagen. Doch mir wurde etwas bewusst, was mit diesen Geschehnissen zutun hat. Dieses Bewusstsein dient lediglich der Erklärung selbst, es ist keinesfalls ein Jammern. Das ist wichtig zu wissen, um den Kern der Aussage zu vermitteln.

Unser Leben ist so individuell, persönlich und geprägt von Phasen des Leides und des Glücks, dass es unmöglich ist, uns selbst mit anderen zu vergleichen. Hätte mein Vater meine Stiefmutter nicht kennengelernt und wäre mein verdammter Blinddarm nicht geplatzt, hätte mein Leben einen ganz anderen Lauf genommen. Diese Zufälle der Realität prägen mein Leben bis heute. Sie haben mir unfassbares Leid gebracht, dass individuell und real war, genau wie meine Reaktionen darauf individuell und real waren. Vielleicht wäre ich heute kein relativ unsportlicher Autor, der nur zu dem Job kam, da er seine Erfahrungen irgendwie verarbeiten musste, sondern ein sportlicher Architekt, der die besten Frauen und Männer abbekommen würde.

Doch, bei allem berechtigten oder unberechtigen Neid, hätte auch dieses Leben seine Macken. Ich möchte darauf gar nicht eingehen, denn das trägt hier nicht zur Sache. ich kenne Menschen, die genau diese individuelle und persönliche Geschichte des Äußeren und Materiellen leben.

Rate mal, was diese Menschen auch haben?

Ihre ganz individuellen und persönlichen Probleme.

Ich kenne sowohl männliche, als auch weibliche Models, die um die Welt reisen und so ziemlich alles flachlegen, was in ihr Beuteschema passt. Als ihr Psychologe kenne ich aber auch ihre Alpträume, ihre tiefsten Ängste, ihre existenziellen Sorgen und ihre Sorge, das Mittagsbuffet im All-Inclusive-Hotel zu verpassen, da sie vom Alkohol des Vorabends noch so benebelt sind. Ich kenne ihre Dämonen nicht so sehr, wie sie selbst, aber ich kenne einige davon.

Ich kenne Manager, die im Monat über 100.000€ verdienen, sich manchmal nicht entscheiden können, in welches ihrer drei Häuser sie heute fliegen solenl und mit den Schmerzen ihrer Prostata, der Affäre ihrer Frau und ebenfalls den existenziellen Fragen des Lebens zu kämpfen haben.

Wir sind alle individuell, unsere Lebensgeschichte ist individuell und das macht uns so persönlich und unmöglich, uns mit anderen zu vergleichen. Mit jedem Tag werden wir individueller, mit jedem Tag lernen wir etwas oder verlernen etwas. Mit jedem Tag geschieht  etwas, das aus unserer Persönlichkeit, die am Tag unserer Geburt nur ein Kreis war, eine Ansammlung von Individualitäten ergibt, die so einzigartig sind, wie unser Fingerabdruck.

Mit jedem Tag ändert sich dieser Fingerabdruck.

Mit jedem Tag haben wir die Möglichkeit zu entscheiden, wie er sich verändert.

Mit jedem Tag öffnet sich ein mehr oder weniger eingeschränkter Handlungsspielraum in den Bereichen, die du für verbesserungswürdig hältst.

Der Neid anderen gegenüber ist ein Indikator dafür, was du gerne hättest. Er gibt dir die Möglichkeit, daraufhin den Blickwinkel auf dein eigenes Leben zu richten, in einer Abfolge von Momenten, beginnend bei dem gestrigen Tag, den du als Vergleichsmodell nimmst.

Die Veränderung findet heute statt, deine individuelle und persönliche Möglichkeit, dir das zu geben, was du gerne hättest. Dein ständiger, blinder Neid auf andere verbessert daran nämlich nichts. Dein Groll und Selbsthass werden dadurch nur noch größer und du fällst in einer Spirale der Verzweiflung nur noch weiter nach unten.

Benutze den Neid auf andere und die Stimme deines inneren Kritikers als Antrieb. Höre ihnen zu, sei ehrlich, rede sie nicht schön. Das braucht schon ein wenig Mut, aber zumindest weißt du dann, in welche Richtung du dich bewegen möchtest. Und diese Richtung brauchen wir für die Veränderung in der Gegenwart, um eine Zukunft zu erschaffen, die dir gehört.

Nehmen wir als Beispiel deine finanzielle Lage. Worauf bist du bei anderen neidisch? Ich vermute mal frei, dass es vielleicht die Tatsache ist, dass sie mehr Geld haben, als du. Was auch immer du damit machen möchtest ist erst einmal irrelevant. Dein innerer Kritiker schlägt dir vielleicht auch noch ein paar Hilfsmittel zur Untermauerung der Tatsache ins Gesicht: “Du wirst sowieso nie genug Geld verdienen, weil du einfach gar nichts kannst. Zeitverschwendung.”

Gut, haben wir uns das auch einmal angehört. Wir tun das nicht, um deinem inneren Kritiker Aufmerksamkeit zu schenken. Seine Stimme dient dir dazu, zu erkennen, dass du wahrhaftig unglücklich bist, in diesem persönlichen und individuellen Bereich. Es ist eine Bestandaufnahme, mehr nicht.

Da du jetzt und heute damit beginnst, an dieser persönlichen und individuellen Situation, die dich anscheinend unglücklich macht, sonst wärst du ja nicht von Selbsthass, Leid und Leid zerfressen, kannst du dich einmal hinsetzen und deine finanzielle Situation auseinandernehmen. Wie ein Chrurg. Stelle deine Emotionen und des Gemotze deines inneren Kiritikers einmal hinten an, jetzt zählen nur harte Fakten. Also: Was ist es, was deine finanzielle Situation so individuell scheiße macht? Hast du wirklich nicht genug Geld, um deine Miete zu bezahlen und ernährst dich nur von Spinat und Fisch (kenne ich), hast keine Verträge und kein Auto?

Oder bist du mit deinem Geld mehr als spendabel, gehst ständig feiern, haust es für überteuerte Handverträge raus und isst jeden morgen Kaviar?

Ich wiederhole: Das ist keine Situation für Selbstmitglied. Du musst aber schon wissen, wo du auf dem Berg stehst. Ist es der unsichere Abgrund, der jeden Moment zusammenzubrechen droht, ist es die sichere, mittlere Höhe oder ist es der Abgrund im lawinengefährdeten Bereich?

Nachdem du dir bewusst gemacht hast, wo du dich befindest, kannst du die entsprechenden Maßnahmen einleiten, um deine Situation zu ändern. Am nächsten Tag der Bestandsaufnahme hast du schon einen adäquaten Vergleich: Den gestrigen Tag.

Auf deinem Weg auf eine sichere, für dich beneidenswerte und erstrebenswerte Ebene deines Lebens, bietet dir die gestrige Ebene die Möglichkeit zum Vergleich.

Doch nicht andere Menschen.

Das füttert nur deinen Selbsthass.